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Frankreich : Im Land des blauen Lichts

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Am liebsten malten die Impressionisten an der frischen Luft Bild: dpa

Die Normandie feiert sich in diesem Sommer mit einem großen Festival als Wiege des Impressionismus. Kunstwege führen zu den Orten, an denen Claude Monet und seine Freunde ihre Motive und Farben fanden.

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          Ein grauer Sommervormittag im Hafenstädtchen Etretat. Nieselregen, bleierner Himmel, am Strand graue Kiesel, das Meer: grau. Die Schieferdächer und Feuersteinmauern der Häuschen sowieso. Und das soll der Ort sein, der Claude Monet und andere "Maler des Lichts" so inspiriert hat? Auf der kleinen Strandpromenade steht, wie auch an vielen anderen Orten der Normandie, eine Tafel mit dem berühmten Gemälde Monets von den Kreideklippen, exakt an der Stelle, an dem der Maler einst seine Staffelei aufgestellt hatte.

          Von den duftigen Farben, Rosa, Türkis, Weiß, die auf dem Gemälde zu sehen sind, keine Spur. Doch schon auf dem Weg hinauf zur Steilküste macht das normannische Wetter, was es am liebsten tut: Es ändert sich. Die impressionistischen Maler haben den Himmel über der Küste geliebt wegen seiner ständigen Wandlungen, sie haben ihn verflucht deswegen und sich an ihm abgearbeitet, oft qualvoll, manchmal triumphal. Oben angelangt, wird an diesem Vormittag das Licht im großen Wettertheater angeknipst, das Meer scheint türkis auf, die Klippen strahlen weiß und machen der Bezeichnung Alabasterküste alle Ehre, dazu gelbe und violette Blumentupfen in den sattgrünen Wiesen. Diese paar Blumen im Gras sind vielleicht gar nicht so außerordentlich, aber wer hier hinaufkommt, tut es mit einem besonderen Blick, sieht überall Tupfen und Flecken, Spiegelungen und Schleier.

          Lang lebe der Augenblick!

          In diesem Jahr werden es noch mehr Monet-Pilger sein als sonst, denn es ist das Jahr des Festivals "Normandie Impressioniste", des größten Kulturereignisses in Frankreich in diesem Sommer. Mit mehr als zweihundert Veranstaltungen will die Region beweisen, dass der Impressionismus eine normannische Erfindung ist. Monet und Pissaro, Cézanne, Renoir und Sisley - sie alle haben an der normannischen Küste, ihren Badeorten und Hafenstädtchen gemalt und gelebt. In Honfleur, dem Geburtsort von Monets Entdecker und Lehrer Eugène Boudin, trafen sie sich in den fünfziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf einem alten Bauernhof. In Deauville, Dieppe und Etretat hielten sie das Strandleben fest, einige Kilometer landeinwärts stellten sie an der Seine ihre Staffeleien auf. Das neuartige, zuerst von Boudin propagierte Malen unter freiem Himmel und die Flüchtigkeit der Lichtstimmungen trugen zur Herausbildung eines damals revolutionären Stils bei, der sich ganz auf das Erfassen des Augenblicks konzentrierte.

          Latent wechselhaft: Das wankelmütige Wetter brachte die Impressionisten manchmal zur Verzweiflung - am Strand von Deauville.
          Latent wechselhaft: Das wankelmütige Wetter brachte die Impressionisten manchmal zur Verzweiflung - am Strand von Deauville. : Bild: AFP

          Wer sich heute über die vielen Touristen in Etretat und Deauville beklagt, vergisst leicht, dass sich die Entstehung dieser Orte dem Tourismus verdankt; Deauville etwa feiert dieses Jahr erst sein hundertfünfzigjähriges Bestehen. Es war freilich eine andere Art Reisender, die von der Mitte des vorletzten Jahrhunderts an die neuen Seebäder besuchte: die feine Pariser Gesellschaft, die dank Eisenbahn der städtischen Sommerhitze zu entkommen suchte, und reiche Engländer, die in den Casinos und auf den Rennbahnen ihr Vermögen verjubelten und die sich von Malern wie Boudin gerne porträtieren ließen, am liebsten bei einer gänzlich neuartigen und nach den Worten der Ärzte äußerst gesunden Freizeitbeschäftigung - dem Aufenthalt am Strand.

          Der Mut der „haarigen Affen“

          Wenn man heute auf der legendären Planches, der Holzplanken-Promenade am Strand von Deauville, entlangschlendert, erlebt man eine Mischung aus mondäner und profaner Strandkultur, aus angejahrter Eleganz und neuzeitlichem Körperkult. Die altmodischen Umkleidekabinen, bezeichnet mit den Namen verblichener Hollywood-Größen, sind am frühen Abend ebenso Treffpunkt kleiner Champagner-Gesellschaften wie jugendlicher Alkopop-Sporttrinker. Tagsüber tummeln sich unter den geordneten Reihen bunter Sonnenschirme dezente Badeanzüge neben neonfarbenen Bikinis. Strandkleider werden ebenso stolz zur Schau getragen wie Tattoos. Die Bilder Boudins, omnipräsent während des Festivals, zeigen die selbe Szenerie um hundertfünfzig Jahre zeitversetzt: Damen und Herren in voller Montur, mit Hüten, Krawatten und Reifröcken, die sich Stühle, Tische, Zelte an den Strand kommen ließen und sich mit Schirmen und Schleiern gegen Sonne und Wind zu schützen trachteten. Ins Wasser ging man gar nicht oder bekleidet, angetan mit Overalls aus brauner Wolle, die wenig Eleganz bewiesen, vor allem, wenn man den Fluten entstieg. "Haarige Affen" nannten die Einheimischen die tapferen Pioniere heutiger Badefreuden.

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