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Frankreich : Die schönsten Haltestellen Nizzas

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Der ganze Stolz der Stadt: eine Straßenbahn an der Place Massena. Bild: AP

Straßenbahnfahren ist ein elegantes Vergnügen. Der Passagier gleitet durchs Gewühl des Lebens, ohne Stau, ohne Ärger, ohne Auseinandersetzungen mit Autofahrern, durch eine Oberleitung mehr dem Himmel verbunden als der gemeinen Realität.

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          Straßenbahnfahren ist ein elegantes Vergnügen. Der Passagier gleitet durchs Gewühl des Lebens, ohne Stau, ohne Ärger, ohne Auseinandersetzungen mit Autofahrern, durch eine Oberleitung mehr dem Himmel verbunden als der gemeinen Realität - so wenigstens kommt es einem vor in Nizza, der Metropole der Côte d'Azur, die einst auch eine Metropole der Straßenbahnen war. Im Jahr 1921 erstreckte sich das Netz der "Tramway de Nice" weit ins Umland, wer wollte, konnte mit ihr bis Monte Carlo oder Menton reisen, entlang der blauen Küste. Seit einem Jahr hat Nizza nun wieder eine Straßenbahn, und weil die Franzosen Ästheten sind, installierte die Stadtverwaltung vierzehn Werke zeitgenössischer Künstler entlang der knapp neun Kilometer langen Schienenstrecke. Wo andere Städte sparen, da schenkt Nizza seinen Bürgern täglich ein wenig Amüsement und Schönheit - für nur einen Euro; so viel kostet das Billett.

          Eine Attraktion hält zum Beispiel die Place Masséna, der Salon der Stadt, parat. Hoch über den Köpfen der Passanten sitzen sieben Figuren auf langen Masten, nachts leuchten sie rosa und grün, blau und gelb. Der Spanier Jaume Plensa hat diese "Conversation à Nice" zwischen den sieben Kontinenten in Szene gesetzt. Sie spiegelt sich aufs schönste in der Bahn selbst, wenn dort eine in Nizza alteingesessene Dame mit einer jungen arabischstämmigen Frau und einem russischen Austauschstudenten ins Gespräch kommt. Zur Uni will der, bis dahin ist es noch ein Stück Wegs. Die Bahn taucht ein in den Kosmos des quirligen Boulevard Jean Médecin mit seinen Kaufhäusern und Dönerbuden und dann ins blaue Licht unter der Eisenbahnbrücke. Das hat die deutsche Künstlerin Gunda Förster zum Leuchten gebracht, es ist eine Hommage an den jung verstorbenen Einheimischen Yves Klein, den Avantgardisten, der sein halbes Leben auf der Suche nach dem perfekten Blau gewesen ist und sich schließlich seine Erfindung, einen Ultramarinton, patentieren ließ. In einem Wimpernschlag gleiten wir durchs Licht der Neonröhren und fahren bergan, dorthin, wo Villen die Straße säumen. Wie Totempfähle ragen die Masten der Haltestellen in der Stadtlandschaft auf, ein Werk des Pariser Schriftgestalters Pierre di Sciullo, und bei jedem Halt empfängt uns in weißer Schreibschrift auf schwarzem Grund ein kleiner Aphorismus von Ben, dem rührigen Künstler aus Nizza: "Vous êtes unique au monde", heißt es da etwa voller Pathos: "Sie sind einzigartig auf der Welt", oder aufmunternd "Souriez!": "Lächeln Sie!", aber auch streng "La gloire, c'est du boulot" - "Ruhm ist harte Arbeit." Einmal befiehlt ein Schild dann rüde "Look elsewhere", "Schauen Sie doch woandershin", und das empfiehlt sich auch auf dieser Fahrt, auf der man die Augen offen halten muss, um kein Kunstwerk zu verpassen.

          Gurgeln und Flöten

          Orientierung für die Ohren bieten derweil die entzückenden Jingles des Komponisten Michel Redolfi, der für seine Unterwasser-Konzerte berühmt ist: Die Namen der Haltestellen werden gegurgelt und geflötet, so schön kann öffentlicher Nahverkehr sein. Der russische Austauschstudent steigt jetzt aus, es empfängt ihn ein winziger barocker Garten mit einem perlenbesetzten Aluminiumvorhang - "Le confident", der Vertraute, heißt die Installation von Jean-Michel Othoniel, die zu einer kleinen Plauderei einlädt. Doch der junge Mann muss allein seiner Wege ziehen, seine Gesprächspartnerin bleibt sitzen bis zur Endstation Las Planas, einem tristen Hochhausviertel mit einer neuen Parkgarage für die Pendler. Schön ist es hier nicht, doch der Blick schweift über die Stadt bis zum Meer hinunter, und am Parkhaus prangen die Worte "Je vis de l'eau, elle s'écoule": "Ich lebe von Wasser, es fließt." Dazu hat der Pariser Künstler Emmanuel Saulnier eine Straßenbahnschiene verlegt, die auf der Suche nach dem Ursprung des im Süden so kostbaren Nass im Boden verschwindet. Daneben schläft friedlich ein Hund.

          So geht in die Kunstinstallationen vieles ein, was Nizza prägt: die Sonne zum Beispiel, die die korsische Künstlerin Ange Leccia als leuchtende Scheibe in das Wartungshäuschen an der Endstation gehängt hat. Oder die Palmen von Jacques Vieille am Pont Michel, zwanzig Meter hohe Zaubergeschöpfe, deren durchsichtige Blätter sanft im Wind wehen. Ein wenig surreal ist das alles, und der Passagier in der Straßenbahn gewinnt den Eindruck, in dieser Stadt geschähen wundersame Dinge, ja dass die Tram selbst aus ihren Schienen ausbrechen könnte und mit ihm hineinfliegen in die blaue Luft. Wir steigen mit leichtem Herzen und einem Lächeln aus, und das ist das Ungewöhnlichste, was sich über ein öffentliches Verkehrsmittel sagen lässt.

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