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Frankreich : Das Prinzip der Lässigkeit

  • -Aktualisiert am

Je höher die Welle, um so besser: Ein Wasserakrobat bei der Arbeit. Bild: AFP

Lacanau ist ein entrückter Badeort an der Südwestküste Frankreichs. Manche sagen, er sei langweilig. Das stimmt nicht. Andere sagen, er sei von Dünen und Pinien umzingelt wie das Dorf von Asterix. Das stimmt schon eher. Denn hier kann man sich an der Freiheit berauschen.

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          Mitten in einer langen Berliner Winternacht habe ich diesen Strand erkannt. Ich zappte mich durch das Kabelangebot, und beim französischen Auslandssender TV5 wurde nur ein kleines Stück Düne gezeigt, ein Puzzleteil aus weißem Sand, das ich in der Millisekunde und ganz richtig zwischen die Surfschule und das Wohnhaus auf Stelzen eingefügt habe. Dann sah man einen Mann, der von Kopf bis Fuß in wasserabweisendes Material gehüllt war und sich in die Wellen des Atlantiks vorwagte, um schön zu angeln. Der Kommentar sagte dazu, es sei halb zwei Uhr morgens.

          Es war ein Dokumentarfilm über Lacanau im Winter, und man sah eine Menge Originale, die den schon im Sommer abgelegenen Badeort wegen seiner im Winter vollendeten Anarchie schätzten. Ein sogenannter Holzkünstler sagte: "Wenn ich auch nur am Ende der Straße die Silhouette eines Menschen sehe, ist der Tag für mich gelaufen." Nach Ausstrahlung des sehr treffenden Films im südwestfranzösischen Regionalfernsehen gab der Bürgermeister von Lacanau eine Pressekonferenz und wütete, man wolle mit so einem Beitrag wohl den Ort ruinieren. Witterte er eine Verschwörung der bekanntlich zu allem entschlossenen Nachbargemeinden Soulac und Carcans?

          Amerika ist ganz nah

          Man kommt über Bordeaux nach Lacanau - wenn man es wirklich will. Es gibt keinen Zug, manchmal einen Bus und eine sehr gefährliche zweispurige Landstraße, die nie zu enden scheint. Ich kam zum ersten Mal auf dem Rücksitz eines Renault16 dorthin, meine Großeltern hatten ein kleines Ferienhaus gekauft, und ich war sechs. Seitdem bin ich jedes Jahr da, oft zwei- oder dreimal. Die Kinder, mit denen ich damals spielte, sind heute mit ihrer eigenen Familie da, unsere Kinder spielen zusammen. Das ist nicht immer einfach: Seltsam, welche Ressentiments man einem vollendet freundlichen Nachbarn entgegenbringt, nur weil man sich genau daran erinnert, dass er als Junge mit ausgesprochen gemeinen Mitteln gekämpft hat.

          So sieht die lokale Meeresfauna aus: Surfer in Lacanau
          So sieht die lokale Meeresfauna aus: Surfer in Lacanau : Bild: AFP

          Lacanau war damals ein typisches Naherholungsziel, fast alle Familien kamen, wie auch meine Großeltern, aus dem Großraum Bordeaux. Mir schien aber immer eine ganz andere Nachbarschaft einleuchtender: Es konnte nicht weit sein bis Santa Fe, zum Rio Grande und zur Shilo Ranch. In der Weite der südwestfranzösischen Pinienwälder wirkt jede Siedlung verloren, und die Ende des neunzehnten Jahrhunderts unternommene Besiedlung der französischen Atlantikküste ist sogar jünger als die Eroberung des Wilden Westens. An der unauflöslichen Verbindung zwischen Sud Ouest und Far West wirkte auch meine Großmutter mit, die nie bis Amerika kam, aber jeden Tag Scarlett O'Hara spielte. Ich lief dennoch - wir waren ja eine dezidiert linke Familie - mit der blauen Mütze der Nordstaatenarmee und entsprechenden Plastikwaffen umher.

          Familiendramen und Rachepläne

          Wie der Wilde Westen eröffnete auch das Leben in Lacanau den Siedlern völlig neue Horizonte. Natürlich trieb die Touristen und Ferienhausbesitzer nicht die Not zum langen Treck durch die Pinien, aber viele doch die Enge der südwestfranzösischen Provinz. Wer sich hiervon ein Bild machen möchte, dem seien die Romane des Nobelpreisträgers François Mauriac empfohlen, aber es ist keine fröhliche Lektüre: Mit Familiendramen, Racheplänen und konfessionell oder sexuell motivierten Intrigen machen sich die geldgierigen Bürger und Weinhändler regelmäßig das Leben zur Hölle.

          Es ist kaum übertrieben. Wer es irgendwie konnte, suchte in den späten Sechzigern das Weite und frischen Wind, sei es unter dem Pflaster des Quartier Latin im Mai 68, sei es am richtigen Strand. Denn dort, wo die schlichte Landstraße kurz nach einem Schild mit der lakonischen Aufschrift "Océan" einfach endet, ereignet sich der Lacanau-Trick: Wo es wüst war, wird es weit, wo der Schatten der Wälder beschirmte, wird es hoch, und alle Komplexität reduziert sich auf eine einzige Linie, den Horizont. Und von der anderen Seite winkt die Neue Welt herüber.

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