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Frankreich : Das Glück des verbannten Postdirektors

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Das nördliche Bergues scheint doch nicht so schlecht zu sein Bild: AFP

„Bienvenue chez les Ch'tis“ ist auf dem besten Weg, der erfolgreichste Film aller Zeiten in Frankreich zu werden. Er spielt in dem Städtchen Bergues im äußersten Norden des Landes, das sich seinerseits vor Besuchern kaum noch retten kann.

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          Die Gemeinde hat es längst aufgegeben, die geklauten Ortsschilder zu ersetzen. Kaum wieder angebracht, werden sie auch schon stibitzt. Das geht seit Wochen so, seit eine Filmkomödie das verschlafene Bergues zu den bekanntesten Orten in Frankreich gemacht hat. Das einst von Festungsbaumeister Vauban in ein Korsett aus Wällen und wuchtigen Toren eingegürtete Städtchen, das durch einen Kanal mit der zehn Kilometer entfernten Hafenstadt Dunkerque verbunden ist, steht im Mittelpunkt der Fernsehnachrichten und kann sich der Besucherströme kaum noch erwehren. Nicht nur die Einwohner von Bergues erfüllt diese unerwartete Popularität mit Stolz. Die gesamte Region Nord-Pas de Calais fühlt sich wegen des Rummels um ihren zur Filmkulisse erkorenen Landstrich geschmeichelt.

          Ganz Frankreich scheint sich auf einmal für seinen bisher nicht sonderlich geliebten, mit frostigen Klischees behafteten Norden zu erwärmen. Ein beseelter Kinoschwank hat unerwartet in Rekordzeit fertiggebracht, was kostspielige, langjährige Tourismuskampagnen nie hätten bewirken können. Erst Ende Februar angelaufen, haben bisher schon mehr als siebzehn Millionen Franzosen „Bienvenue chez les Ch'tis“ gesehen und dabei Tränen gelacht, Tränen geweint und beim Nachspann enthusiastisch geklatscht. Der Film ist auf dem besten Wege, sämtliche französischen Kinorekorde zu brechen und den bisherigen Spitzenreiter „Titanic“ mit zwanzig Millionen Besuchern zu überholen. Die bisherige Nummer zwei, „Die große Sause“, hat er schon übertrumpft.

          Kulturschock im hohen Norden

          Die Handlung des Kassenknüllers ist schnell erzählt: Philippe Abrams, gespielt von Kad Merad, ist Leiter eines Postbüros in Frankreichs sonniger Provence. Wegen einer Schummelei wird er strafversetzt, ausgerechnet in den äußersten Landesnorden, der bei den meisten Franzosen ein ähnliches Image genießt wie Sibirien: kalt und stürmisch das Wetter, griesgrämig und ungehobelt die Leute, flunderflach und langweilig die Landschaft, von Backsteintristesse geprägt die alten Kohlereviere. Mit Widerwillen und trotz des Sommers vorsorglich eingehüllt in eine polartaugliche Daunenjacke, verlässt Abrams sein Pastis- und Pétanque-Idyll und macht sich auf den Weg in die verschmähte Region Nord-Pas de Calais, die sich trichterförmig von der Atlantikküste an der belgischen Grenze entlang bis hin zu den französischen Ardennen zieht. Dort tragen die Menschen den Spitznamen Ch'ti, abgeleitet von ihrem picardisch geprägten Dialekt Ch'timi.

          Bild: F.A.Z.

          Der derbe Zungenschlag macht aus „S“-Lauten „Sch“- Laute, und das Ganze hört sich an, als würde jemand mit einer heißen Kartoffel im Munde reden. Sätze werden bevorzugt mit einem kumpelhaften „heiiiin!“, nicht wahr, abgeschlossen. Den unglücklichen Postdirektor erwartet also ein Kulturschock, als er die Leitung des kleinen Postamtes von Bergues übernimmt. Doch schnell findet Philippe Abrams Gefallen an der puppenstubenhaften Überschaubarkeit dieses historisch geprägten Brügge im Schrumpfformat und am offenen, warmherzigen Charakter der Postangestellten und der Einheimischen.

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