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Frankfurt : Das stille Bangen jeden Herbst

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Hessisches Nationalgetränk mit geringer Akzeptanz im Rest der Republik: der Apfelwein, der zwingend im Bembel und gerippten Glas serviert werden muss. Bild: dpa

Spätestens mit dem dritten Glas begreift jeder, welch grandioses Getränk Apfelwein ist, was er von einem will und wie man mit ihm umgehen muss. Loblied eines bekennenden Apfelweintrinkers.

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          Im August saß ich einen Tag vor Ferragosto auf der Spanischen Treppe und trank Apfelwein. Ich war wegen dieses Apfelweins extra aus dem Latium mit dem Überlandbus nach Rom gekommen. Von Olevano Romano aus, wo ich zu der Zeit wohnte, ist man knapp zwei Stunden unterwegs. Apfelwein ist außerhalb Frankfurts für viele ein völlig unbekanntes Getränk. Wenn früher neue Spieler zu Eintracht Frankfurt kamen, mussten die immer zuerst nach Sachsenhausen und dort vor einer laufenden Kamera des Hessischen Rundfunks einen Schoppen trinken, damit man sehen konnte, ob sie ihr Gesicht verziehen. Ob das heute noch so ist, weiß ich nicht, ich habe keinen Fernseher. Die Fußballspieler verzogen auch tatsächlich immer ihr Gesicht, und überhaupt sagen alle, die eine Kurzberührung mit Frankfurt hatten und einmal an einem Apfelwein genippt haben, es sei das grauenhafteste Getränk, das sie je probiert hätten. Apfelwein gegenüber haben alle eine Berührungsangst wie sonst vielleicht nur angesichts des Bamberger Rauchbiers mit seinem Räucherspeckschwartengeschmack. Selbst dem schwäbischen Most ist der Fremde sofort geneigter. Als magische Grenze (wie übrigens auch beim Rauchbier) wird stets der dritte Schoppen beschrieben. Wer über den hinauskommt, begreift plötzlich, was für ein Getränk er vor sich hat, was es von einem will und wie man an es heranzugehen hat.

          Ich saß also auf der Spanischen Treppe und trank mit zwei Bekannten, die mich besuchten, Apfelwein von Wolfgang Wagner aus den Drei Steubern, Dreieichstraße Ecke Klappergasse in Frankfurt am Main. Meine Besucher hatten sogar eigens drei Schoppengläser mitgebracht. Ich will versuchen zu erläutern, was es bedeutet, Apfelwein aus den Drei Steubern zu trinken.

          Diaspora in Brandenburg

          Apfelwein gibt es bekanntlich in den verschiedensten Variationen. Wer nicht die Gelegenheit hat, nach Frankfurt zu kommen, wird zumindest industriell gefertigten Apfelwein aus Flaschen kennen. Er ist eine Art Grundstufe. Ich habe ihn seit mehr als zehn Jahren nicht mehr getrunken, nur im äußersten Notfall, etwa in Brandenburg, kaufe ich Flaschenapfelwein, wenn es ihn da gibt (normalerweise reise ich mit einem eigenen Kanister). Flaschenapfelwein kann man trinken, wenn man sehr viel Wasser beimengt. Dann gibt es den Apfelwein, der in Apfelweinwirtschaften ausgeschenkt wird (man kann ihn von dort auch immer mit nach Hause nehmen).

          Nur ausnahmsweise mit Wasser: Der bekenndene Apfelweinfreund Andreas Maier liest im Frankfurter Literaturhaus.

          Es ist leider so, dass die meisten Apfelweinwirtschaften in Frankfurt nicht mehr selbst keltern, zumal, wenn es sich um große Wirtschaften handelt, die ihre zahlreiche Kundschaft gar nicht aus der eigenen Kelter versorgen könnten. Sie lassen deshalb außerhalb keltern. Trotzdem ist der Apfelwein aus einer solchen Wirtschaft meistens unvergleichlich besser als Flaschenapfelwein. Hier nun beginnt man, wenn man Apfelwein trinkt, zu begreifen, dass jeder Apfelwein eine Welt für sich ist. Jeder hat seine eigene Säure, seine eigene Weichheit, seine eigene Farbe. Man beginnt, die Apfelweinwirtschaft wegen des Apfelweins aufzusuchen, je nachdem, wie einem der Schoppen da schmeckt. So kann man an einem Tag ganze Reisen in verschiedene Welten machen, die doch nur wenige zehn Meter voneinander entfernt liegen. Manchmal, wenn ich vom Gemalten Haus zu den Drei Steubern gehe, stelle ich mich etwa kurz bei der Germania an den Tresen, einfach weil ich Lust habe auf einen Germania-Apfelwein. Oder zur Abwechslung mal einen Schoppen beim Klaane Sachsehäuser. So wird man in Frankfurt, glaube ich, fast notgedrungen zu einem Menschen, der am Tag mehr als nur eine Wirtschaft aufsucht. Eigentlich ist ein Tag in Frankfurt für mich ab 17 Uhr schon vorbei.

          Rettung vom Wirt des Gemalten Hauses

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