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Fotoausstellung „Spectacular City“ : Ein Hochhaus garantiert noch keine Wirklichkeit

Naoya Hatakeyama, Ohne Titel, 1989-1997 (Ausschnitt) Bild: NRW-Forum

Die Düsseldorfer Ausstellung „Spectacular City“ zeigt, wie sich Städte in Bildern erschaffen. Zugleich gibt sie einen Ausblick auf künftige Städte und Siedlungsstrukturen, aber auch auf die Zukunft der Fotografie selbst.

          3 Min.

          Auf Bildunterschriften wird weitgehend verzichtet, sogar Angaben über den Ort sind die Ausnahme: Mitunter geben Firmennamen, stolz auf ein Hausdach gewuchtet, Hinweise, manchmal auch Reklametafeln, Verkehrsschilder oder Grafitti. Vieles, das Hochhauscluster an der Peripherie oder das Shopping Center im Speckgürtel, könnte fast überall stehen, ubiquitäre und austauschbare Bestandteile der „Stadt ohne Eigenschaften“ (Rem Koolhaas).

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auch Menschen sind nur auf wenigen Fotos zu sehen, und wenn doch einmal, kaum als Akteure oder Passanten, sondern - oft von hinten - als Beobachter. Die Stadt nicht mehr als Bühne, sondern als Eventmaschine: Geht es hier doch nicht (mehr) darum, wozu Architektur gebraucht, wie darin gelebt oder gearbeitet, eingekauft oder die Freizeit verbracht wird, sondern darum, was und wie sie sich darstellt. Image Building.

          Das irreale Bild wird zur Marke

          Die Düsseldorfer Ausstellung „Spectacular City“, die das NRW-Forum Kultur und Wirtschaft vom Niederländischen Architektur-Institut (NAI) in Rotterdam übernommen hat, spürt einem spannenden Phänomen nach: Nicht die Architektur selbst ist Thema dieser Fotografie, sondern das Erschaffen eines Bildes. Das ist nicht neu, schon das Bauhaus hat Fotografien dazu benutzt, einzelne Bauten ikonenhaft zu definieren und Ideen zu vermarkten, doch hat dieser Trend in letzter Zeit einen atemberaubenden Aufschwung genommen.

          Naoya Hatakeyama, Ohne Titel, 1989-1997 (Ausschnitt) Bilderstrecke

          Sein erster Kulminationspunkt war der „Bilbao-Effekt“: Frank O. Gehrys Museum in der baskischen Hafenstadt ist von keinem realen Ort aus so zu sehen, wie es, freigestellt und lichtinszeniert, als Bild um die Welt gegangen und zur Marke geworden ist. Oder, um es mit den Schweizer Architekten Herzog und de Meuron zu sagen: „Die Realität von Architektur ist nicht gebaute Architektur.“

          Düsseldorf versinkt im Golfkrieg

          Düsseldorf ist nicht nur Ausstellungsort dieser Fotografien, sie hat hier auch ihren Genius Loci. Die Stars der Becher-Schule, Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth, sind ihre tonangebenden Exponenten. Die Präsentation stellt das heraus und überlässt Gursky, der mit der digitalen Bearbeitung seiner Bilder, die er retuschiert, manipuliert und konstruiert, am weitesten geht, das Entree: In seinem „São Paulo Sé“ schichtet er Ansichten eines U-Bahnsteigs in der brasilianischen Metropole zu einer Art Galeriehaus übereinander, in „Copan“ fügt er Vorder- und Rückseite des dortigen Hochhauses von Oscar Niemeyer zu einer Wohnschlange zusammen.

          Nicht mehr die Erscheinung des Gebäudes in der Stadt wird erfasst, sondern dessen übergegenständliche Repräsentation. Herausgehoben aus dem Kontext, werden Strukturen ablesbar, die über den Ort hinausweisen. „Ich bin nicht länger an Architektur als einer real existierenden Entität interessiert, sondern nur an dem Bild, das von ihr gemacht wird“, beschreibt Thomas Ruff seine Haltung. Von ihm sind Arbeiten aus der Serie „Nächte“ zu sehen, die Motive aus Düsseldorf mit der Infrarot-Kamera grünlich einfärbt und in eine gespenstische Nähe zu Bildern aus dem ersten Golfkrieg rückt.

          „Spectacular“ auch mal unspektakulär

          Die von Emiliano Gandolfi kuratierte Schau versammelt neunundzwanzig Positionen in vier Abteilungen. „Spectacular“ wird dabei zu einem vieldeutigen Begriff, der auch die Überflugbilder von der Spielzeugstadtlandschaft Las Vegas, die Olivo Barbieri mit dem Schleier der Unschärfe belegt, oder die ironisch betitelten Niemandslandsstadtränder („Kornfeld“) einschließt, die Karin Apollonia Müller mit Farbverblassungen bearbeitet. Andere der etwa hundert Exponate geraten zu Grenzverlaufserkundungen zwischen Alt und Neu, wie sie Sze Tsung Leong in sterilen chinesischen Schlafstädten, Francesco Jodice in Bangkok oder, zeitlich etwas versetzt, Thomas Struth in Lima ausmachen.

          Doch nicht alles wird von dem Titel gedeckt: Die Straßen und Tragwerke, die Heidi Specker in Bangkok herauszoomt, könnten ähnlich wie die einsamen nächtlichen Häuser, denen Todd Hido in kalifornischen Suburbs begegnet, auch wenn davor auffallend breite Straßenkreuzer paradieren, überall stehen und geben unscheinbare Zeugnisse einer sich global uniformierenden Urbanität.

          Hinter die Wirklichkeit geknipst

          „Photographing the Future“: Der Untertitel der Ausstellung kann auch eine vergangene Zukunft meinen. Das Transportministerium von Georgien, das Geert Goiris in Tiflis entdeckt, repräsentiert mit seinen schaschlikspießartig in- und aufeinandergesteckten Kuben auch die abgehalfterte Architektur der sowjetischen Avantgarde. Die „Zukunft fotografieren“ bietet einen Ausblick auf Städte und Siedlungsstrukturen, aber auch auf die Zukunft der Fotografie selbst: Die Qualität der Bilder bemisst sich nicht mehr danach, wie und wie weit sie ihrem Gegenstand gerecht werden, vielmehr bestehen diese auf einem Eigenwert, der sich von jeder dienenden Funktion emanzipiert.

          Eben darin entwickeln die Fotografien ihre besondere Dialektik: Gerade weil sie sich nicht mehr mit der Wirklichkeit verwechseln lassen, geben sie Aufschlüsse über deren Wesen. Wenn aber nicht die Gebäude selbst, sondern die Bilder, welche die Fotografie aus oder mit ihnen macht, zu Wahrzeichen werden, stellt sich die Frage, wie Architektur nicht nur aussehen, sondern gestaltet und beschaffen sein muss, um so grundsätzlicher.

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