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Flandern : Über Gräben weht der Wind

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Flanderland, flaches Land: Brügge und Antwerpen sind lichter. Aber vielleicht stimmt es, und man muss über diese Felder fahren, um Europa zu verstehen. Bild: Stefan Boness

In Ypern sind die Greuel des Ersten Weltkriegs allgegenwärtig. Eine Radtour auf der „Vredesfietsroute“ durch ein weites Land voller Erinerrungen.

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          „Ypern ist die great show Belgiens geworden, eine schon gefährliche Konkurrenz für Waterloo, ein Man-muss-es-gesehen-Haben aller Touristen“, schrieb Stefan Zweig 1928. Doch die Erinnerung braucht neuen Lack. Zwei Männer sprühen schwarze Farbe auf die Absperrketten am Menen-Tor in Ypern. Das Denkmal in Form eines römischen Triumphbogens wirkt wie eine Zeitschleuse. In seinen Marmor sind 54 896 Namen gemeißelt, so viele, dass die Schrift zum Ornament verschwimmt. Es sind Vermisste des einstigen britischen Imperiums, deren Spuren sich auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges in Flandern verlieren. Von den Toten, die im schlammigen Boden rund um Ypern krepierten, gar nicht zu reden. Fast einhundert Jahre ist das jetzt her, und noch immer haben die Bauern hier manchmal Menschenknochen unterm Pflug. Kann man in einer solchen Stadt, die hinter den Kulissen perfekter Rekonstruktion einen Friedhof der Tausenden verbirgt, wirklich Urlaub machen?

          Wir haben Räder geliehen und suchen nach Schildern der „Vredesfietsroute“: 45 Kilometer entlang der ehemaligen Frontlinie verspricht der Handzettel. Doch der Pfad der Erinnerung führt erst einmal mitten in die Gegenwart. Hinter dem Menen-Tor öffnet sich eine Straße mit Modeläden, aus denen Popmusik in einer solchen Lautstärke dringt, als müsste sie den Trommelwirbel der Vergangenheit übertönen. Ypern lebt mit seinem Erbe, in den Schaufenstern sind eben Sommerkleider neben Granathülsen zu sehen.

          Schokolade in Helmform

          Es grenzt an ein Wunder, dass es diese Stadt überhaupt noch gibt. 1918 waren nur Asche und Trümmer und Wüste übrig geblieben. Eine Mondlandschaft, die der englische Premier Churchill am liebsten zum Gedächtnisort des Empire gemacht hätte. Doch die Belgier setzten ihrer Stadt ein neues Herz ein und bauten in den dreißiger Jahren mittelalterlich wieder auf, was mittelalterlich war. Auch wenn Churchill nicht zum Zuge kam, so sind es doch die britischen Reisegruppen, die den Freiheitskampf ihrer Vorfahren bestaunen und in die Stadt einfallen wie auf einen schaurigen Rummelplatz. Seit Stefan Zweig hier war, hat sich daran nichts geändert, und im kommenden Jahr, wenn sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal jährt, wird Ypern fest in englischer Hand sein.

          Die Belgier wissen daraus Kapital zu schlagen und finden nichts dabei, ihre gute Schokolade zu kleinen Tommy-Helmen zu formen. Der Renner ist die Packung mit zwölf Helmen in drei Geschmacksrichtungen für acht Euro. Echte Helme gibt es dann in den zahllosen Militarialäden für 300 Euro das Stück. Gleich daneben Gasmasken, Handgranaten und Patronenhülsen in Holzkisten: „Caution to anyone taking these overseas“. Falls einem Neuseeländer oder Inder der Sinn danach stehen sollte.

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