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Finnland : Dampf der Kulturen

  • -Aktualisiert am

Ein bißchen Schwitzen muß sein Bild: F.A.Z. - Evelyn Runge

Hauptsache, es ist Finnen schön warm: Eine Anleitung für den perfekten Schwitzstubenbesuch in Europas Norden.

          4 Min.

          Einst diente die Sauna nicht nur der Reinigung, hier wurden auch Kinder geboren, Tote gewaschen und Getreide getrocknet. Heute sind Finnlands Saunen der beste Ort, um sich zu informieren. Zu Geschäftsessen gehört ein Gang in die Sauna; einige Kneipen in Helsinki haben eine Sauna, das finnische Parlament sowieso.

          „Es gibt zwei Saunatypen, elektrische und mit Holz beheizte“, erklärt Ritva Müller, Botschafterin der Finnischen Saunagesellschaft. Mit Holz beheizte gibt es mit und ohne Schornstein; letztere sind die Rauchsaunen, die älteste Version der traditionellen Schwitzstube. Diese archaische Sauna gilt als neuer Luxus, der Designernachwuchs aber saunt lieber in Bussen oder transparenten Zelten. Eine kleine Kulturgeschichte.

          Die Rauchsauna

          Pentti Tuohimaa trägt ein Handtuch und ein Lächeln. Er ist Präsident des Internationalen Rauchsauna-Clubs in Finnland und trifft uns in Narva bei Tampere. Versteckt in einer welligen Waldlandschaft liegt die Sauna Hukianhovii, die 1994 als Rauchsauna des Jahres ausgezeichnet wurde. Sie gehört Pertti Sorri und seiner Frau Eija vom Gut Laukko. Über 6000 Gäste pro Jahr kommen, die meisten im Sommer und vor Weihnachten. Unter den Geschäftskunden sei Nokia der größte, sagt Sorri, der mit dreizehn Jahren das Gut von seinen Eltern übernahm.

          Bretter, die das Schwitzen schöner machen: Designsauna

          Pentti Tuohimaa hat seine Freunde mitgebracht, Eero Välikangas, Erkki Haapio und Jorma Sannisto, sowie Ritva Müller. Ausnahmsweise saunen wir zusammen, normalerweise sind die Geschlechter getrennt: Nur Familien gehen gemeinsam in die Sauna. Der Eingangsbereich der Rauchsauna ist offen, hier liegen Handtücher, es gibt Kleiderhaken und kühle Getränke. Drin ist es dunkel, Wände und Decke sind rußgeschwärzt. Links neben der Tür steht ein Bottich mit Wasser, rechts der Ofen, daneben führt eine Treppe zu den Bänken. Die Holzstufen bringen die nackten Fußsohlen zum Glühen, gut, daß wir auf einem Handtuch sitzen dürfen.

          Finnland hat 5,2 Millionen Einwohner und zwei Millionen Saunen, davon ein Prozent Rauchsaunen: „Eine Zeitlang galt die Rauchsauna als sehr niedriger Standard“, sagt Pentti Tuohimaa; „jetzt ist sie Luxus.“ Das liegt nicht an den Materialien, die sind ursprünglich einfach: aus Holz und Stein. Es ist zeitaufwendig, Holz zum Heizen zu hacken und die Sauna vier bis sieben Stunden anzufeuern. Spezielle Saunasteine, die im Feuer nicht platzen, speichern die Wärme so lange, wie sie angeheizt wurden. „In der Rauchsauna erleben wir, was unsere Vorfahren vor 500 Jahren erlebt haben. Alle Traditionen werden von Generation zu Generation weitergegeben.“ Välikangas und Haapio gründeten 1990 den Internationalen Rauchsauna-Club; mittlerweile hat er über 500 Mitglieder in Finnland, Norwegen und Rußland. Der Club vergibt ein Zertifikat, das die Echtheit einer Rauchsauna garantiert. Kriterien sind etwa Bauweise, Feuersicherheit und die Qualität des Dampfes. „Das ist wie Weintesten“, sagt Pentti Tuohimaa. Er legt Birkenzweige zu einem Strauß zusammen und verknotet ihn mit zwei dünnen Zweigen. „In Westfinnland heißt das Vihta“, sagt er, „die Ostfinnen nennen es Vasta, sie formen erst einen Ring und stecken das Bündel dann herein.“ Mit seinem Vihta schlägt Tuohimaa sanft auf seinen Rücken; es duftet süß. Die Birke ist Seifenersatz und als einziger Fremdduft in einer Sauna erlaubt.

          Kurz bevor wir uns wie gekochte Eier fühlen, huschen wir die Treppe hinab, zum See Pyhä und über die glitschige Leiter ins kalte Wasser. Tang wickelt sich um die Füße, lange hält man es nicht aus. Unsere Haut ist weich und duftet nach Rauch, Holz und Birke. Eero Välikangas, Erkki Haapio und Jorma Sannisto sitzen in der Sonne, Handtücher um die Hüften, ein kleines Bier in der Hand.

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