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Familienurlaub : Warum ist ein Fettnäpfchen ein Fettnäpfchen?

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Sauerkrautvorrat im Keller

Darüber hinaus beschert das Museum den Erwachsenen eine Fülle an Déjà-vu-Erlebnissen. In der Küche aus den siebziger Jahren genügt eine Plastiktüte von Tchibo mit den charakteristischen orange- und braunfarbenen Wellenlinien, um einen Film aus ihrer Kindheit abzuspulen. Und die Großeltern überkommt beim Anblick einer handbemalten Kaffeemaschine oder einer Dose für Rabattmarken Wehmut. Alles ist so arrangiert, als sei die Hausfrau nur schnell in den Keller gegangen, um Sauerkraut zu holen. Sogar der Geruch nach dem Mittagessen scheint noch in der Luft zu liegen.

Nebensächliche Dinge wie ein altes Weckglas oder eine Kartoffelreibe, an denen man auf einem Flohmarkt achtlos vorübergehen würde, erleben hier eine Wiedergeburt und kehren an ihren ursprünglichen Bestimmungsort zurück. Dabei ist das Zusammensuchen der einzelnen Exponate für Museumsleiter Carl Werner Möller ein Wettlauf gegen die Zeit. Was andere Menschen auf den Sperrmüll werfen, weil es altmodisch ist, rettet er und macht es in seinem Museum zu einem unverzichtbaren Exponat. Manchmal genügt eine Pril-Blume, die er über die Spüle klebt, um das Bild einer Küche zu vervollständigen. Das orangefarbene Standart-Service der siebziger Jahre hingegen war fast nicht mehr aufzutreiben, denn wegen seines eigenwilligen Designs opferten es die Menschen nur zu gerne auf Polterabenden.

Botschafter der kulinarischen Freuden

Neben dem Vermitteln kulinarischer Zeitgeschichte hat sich das Museum eine pädagogische Aufgabe gestellt: die Ernährungsbildung von jungen Menschen. Sie sollen wissen, wie einfach es ist, aus Suppengrün und frischem Gemüse eine Minestrone zu kochen, die geschmacklich jeder Tütensuppe haushoch überlegen ist. Und sie sollen die Absurdität eines gekauften Pfannkuchenteigs aus dem Kühlregal erkennen, den man in wenigen Minuten aus Mehl, Eiern und Milch viel besser selbst anrühren kann. Wenn Carl Werner Möller mit Kindern vormittags in der Schulküche kocht, macht er immer wieder die Erfahrung, dass selbst mäkelige Esser großen Appetit entwickeln, wenn sie die Kartoffeln selbst geschält haben. Inzwischen ist das Museum fast jeden Vormittag ausgebucht, denn auch viele Lehrer legen Wert darauf, dass ihre Schüler einen Sinn für gute Ernährung entwickeln. Carl Werner Möller versteht sich als Botschafter kulinarischer Genüsse, und da er als Koch mehr als dreißig Jahre lang erfolgreich selbständig war, hat er genügend Geld in seinem Leben verdient, um sich nun als Vollzeit-Ehrenamtlicher für seinen Lebenstraum zu engagieren.

Die Geburtstagskinder sind nach ihrem Rundgang durch die Ausstellung wieder in der Gegenwart angekommen. Jetzt tobt das Leben in der Schulküche. Sie haben sich Schürzen angezogen, die Ärmel hochgekrempelt und backen süße Pizzas mit Marzipan, dazu gibt es selbstgemachten heißen Kakao und als Dessert in Schokolade getauchte Früchte. Das ist nicht gerade gesunde Vollwertkost, aber schließlich handelt es sich bei der Veranstaltung ja um einen Kindergeburtstag. Aus dem Edelstahlbackofen duftet es mittlerweile nach gebratenen Äpfeln und Marzipan, die Kinder tauchen unter Anfeuerungsrufen ihrer Freunde die Trauben und Bananenstücke in die Kuvertüre. Plötzlich ist die Geräuschkulisse so laut und fröhlich, wie es sich für einen ordentlichen Kindergeburtstag gehört. Und wer in die strahlenden Gesichter der Kinder blickt, die genießerisch in die Früchte mit ihrem Schokoladenmantel beißen, dem wird klar, dass sie von diesem Geburtstag nicht nur eine Tüte voller Bonbons mit nach Hause nehmen, sondern vor allem das Wissen, wie viel Spaß gutes Essen macht.

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