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Familienreisen : Schmatzen ausnahmsweise erlaubt

  • -Aktualisiert am

Zeigt her eure Füße: Alles wieder sauber nach der Wanderung durch den Matsch des Barfußweges. Bild: Sven Weniger

Sohlen sind doch nur etwas für Weicheier: Wer mit Kindern auf dem Appenzeller Barfußweg unterwegs ist, dem ältesten und längsten seiner Art in der Schweiz, wird lauter kleine Helden erleben.

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          Nicht nur die Kühe furzen. Wenn der Junge seine Beine wie ein Storch hebt und senkt, klingt es genauso wie bei den Rindviechern gleich nebenan auf der Weide. Manchmal schmatzt es auch vernehmlich, wenn er versucht, sich mit staksenden Schritten aus dem Modder zu befreien. Der Junge findet all diese Geräusche toll, die man sonst nicht von sich geben darf. Auch die anderen Kinder lachen und machen es ihm nach. Wie eine seltsame Prozession ziehen sie im Gänsemarsch durch den hundert Meter langen Graben, einige stumm und konzentriert, um nicht im Morast zu straucheln, andere grinsend und blödelnd. Die Kleinsten stehen manchmal bis zum Bauchnabel im Matsch. Nur gut, dass es gleich links diese Balustrade aus Holz gibt, an der sie sich festhalten können. Wer weiß, sonst gäbe es vielleicht noch ein Vollbad im Dreck. Aber das wäre auch eigentlich nicht so schlimm.

          Keine Frage, für die Kinder sind die Schlammstrecken der Höhepunkt des Barfußweges von Gonten im Schweizer Kanton Appenzell. Sie haben keine Augen für die blumenübersäten Almen, die schneebetupften Gipfel des Alpstein, die feuerwehrrote Appenzeller Bahn, die gerade pfeifend an ihnen vorbei durchs Tal rollt. Ihnen genügt es vollkommen, ihren Spaß im Schlamm des Appenzeller Barfußweges zu haben, des Urvaters aller Themenwanderwege.

          Die alten Torfstecher sind das Vorbild

          Vor vierzig Jahren wollte ein Gontener Stationsvorsteher die Leute der Natur wieder näherbringen. Er bot ihnen an, ihre Schuhe mit den Bahn von Gonten bis zum zehn Minuten entfernten Kantonshauptort Appenzell zu transportieren, damit die Gäste diese Strecke barfuß absolvieren konnten. Die Idee wurde sofort ein Erfolg. Nun hatte es der Mann aber auch leicht. Das Gontenmoos, das große Teile des Appenzeller Tals umfasst, ist von jeher feucht und tief. Schon vor fünfzehntausend Jahren entstanden durch dem Rückzug des nahen Sitter-Gletschers riesige Torfvorkommen. Jahrhundertelang gingen die Torfstecher barfuß hinaus zur Arbeit. Ohne Schuhe herumzulaufen war also normal im Appenzell. Erst als die Moore unter Naturschutz gestellt wurden, war es mit dem Torfabbau und dem Latschen querfeldein durch die sumpfige Landschaft vorbei. Und so schlägt der Barfußweg zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Einheimischen können mit ihm die Tradition des bloßfüßigen Laufens bewahren und die Urlauber eine exotische Wandervariante ausprobieren.

          Prozession der Schuhlosen: Für direkten Naturkontakt ist auf dem Barfußweg ebenso gesorgt wie für viel Spaß.
          Prozession der Schuhlosen: Für direkten Naturkontakt ist auf dem Barfußweg ebenso gesorgt wie für viel Spaß. : Bild: Sven Weniger

          Schon früh erkannten die Appenzeller, dass ihre mittelhohen Berge nicht würden mithalten können mit den hochalpinen Skigebieten im Land. Wandern wurde deswegen zum Hauptthema der Tourismusentwicklung im kleinen Käsekanton. Sechshundert Kilometer misst heute das Wegenetz, es ist das dichteste in der Schweiz. Außerdem ist der Appenzeller Barfußweg mit fünf Kilometern der längste im deutschsprachigen Raum. Heute führt er zwar nicht mehr nach Appenzell - dafür hat die starke Bebauung gesorgt -, sondern geht von Gonten in die Nachbarorte Jakobsbad und Gontenbad, die beide ihren verträumten Charme bewahrt haben. Wer sich in Appenzell Unterkunft sucht, ist in wenigen Minuten mit dem roten Zug an einer der drei Haltestellen und kann mit seiner Ferienkarte, die jeder Logiergast bei drei Übernachtungen kostenlos erhält, ganz nach Belieben ein- und aussteigen. Doch Vorsicht: Jakobsbad und Gontenbad sind so unbedeutend im regionalen Verkehrsnetz, dass man im Waggon den Halt an beiden Stationen per Knopfdruck anfordern muss. Sonst rauscht der Lokführer einfach vorbei.

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