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Deutschland : Die Weinhauptstadt Deutschlands

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Schatzkammer: Weinflaschenim achthundert Jahre alten Keller des Winzers Kai Schätzel in Nierstein. Bild: Torsten Silz / ddp

Bordeaux, Porto, Florenz, San Francisco, Kapstadt, Mendoza, Bilbao und jetzt auch Mainz: Die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz und ihr rheinhessisches Hinterland gehören nun zu den Great Wine Capitals.

          Zu später Stunde sitzen die Gäste in der Weinstube Bluhm am Stammtisch und diskutieren heftig - nicht über Karneval oder die Fußballmannschaft von Mainz05, sondern über Wein. Einigkeit herrscht allerdings darüber, dass die Gewächse aus Rheinhessen hervorragend sind. Was auf den ersten Blick nach Lokalpatriotismus klingt, ist keineswegs selbstverständlich in einer Stadt, die ihre Zugehörigkeit zu Rheinhessen lange verleugnet hat. Noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren wurde in den meisten Weinstuben und Restaurants fast ausschließlich Wein von jenseits des Rheins, aus dem Rheingau, serviert, und auch heute noch zählen viele Weinkarten erst eine Reihe von Tropfen aus dem Rheingau auf, bevor die Liste mit rheinhessischen Weinen beginnt.

          Ob die Gäste hier wissen, dass Mainz seit kurzem zur Vereinigung der "Great Wine Capitals" gehört, sei dahingestellt. Nur eine Stadt pro Land wird in diesen illustren Kreis aufgenommen, dem außerdem Bordeaux, Porto, Bilbao, Florenz, San Francisco, Kapstadt und Mendoza angehören - alles Städte mit ausgeprägter Weinkultur und einem entsprechenden Hinterland, in dem der Weinbau eine Hauptrolle spielt. Dass in Deutschland Mainz diesen Titel verdient, beweisen nicht zuletzt Kneipengespräche wie die bei Bluhm. Der Wein ist allgegenwärtig in Mainz, das nicht nur in Deutschlands größtem Weinbaugebiet Rheinhessen liegt und innerhalb seiner Grenzen dreißig Winzerbetriebe mit zweihundertzwanzig Hektar Anbaufläche besitzt; die Stadt befindet sich auch in unmittelbarer Reichweite von sieben weiteren Weinbauregionen: Rheingau, Mittelrhein, Mosel, Ahr, Pfalz, Franken und Hessische Bergstraße.

          Export von Wein und Sekt in alle Welt

          Schon seit der Römerzeit wird hier Weinkultur gepflegt, und eine Urkunde aus dem Jahr 752 erwähnt einen Weinberg, der vom damaligen Bischof Bonifatius erworben wurde. Im frühen neunzehnten Jahrhundert lobte ein Reiseführer die vierzehn Mainzer "Einkehrwirtschaften", die an der Rheinstraße "in liebevoller Eintracht" nebeneinanderlagen. Traditionsreiche Weinstuben in der Mainzer Altstadt wie Bluhm, Zur Kanzel, Zum Beichtstuhl, Hottum oder Wilhelmi halten diese typische Mainzer Gastlichkeit bis heute lebendig. Unterirdische Kultstätten der Mainzer Weintradition findet man in dem gigantischen Kellerlabyrinth, das sich unter der Stadt erstreckt, aber nur an wenigen Stellen zugänglich ist. Die alten Gewölbe, in denen die kleine Kellerei Goldhand mit moderner Technik ihren Sekt mitten in der Stadt erzeugt, können besichtigt werden. Viele Kilometer lang sind die mehr als sechzig Gewölbe des ehemaligen Sektherstellers Kupferberg, die im neunzehnten Jahrhundert unter Verwendung römischen Mauerwerks sieben Stockwerke tief in die Erde gebaut wurden. Ein Teil davon ist heute im Rahmen einer Führung vom Besucherzentrum Kupferberg aus zu besichtigen. Welche Bedeutung Mainz vor einem Jahrhundert als Weinhandelsstadt hatte, lässt sich auch im angegliederten Museum ablesen: Weinetiketten in fremden Sprachen zeugen vom Export von Sekt und Wein in alle Welt. Ein Andenken an glanzvolle Zeiten ist auch der Jugendstilraum in Form eines Weinfasses, der ein Teil des Deutschen Pavillons auf der Weltausstellung 1900 in Paris war und anschließend hier wieder aufgebaut wurde.

          Doch Tradition und geographische Lage sind nur der Hintergrund einer Mitgliedschaft bei den "Great Wine Capitals". Die Städte haben sich außerdem verpflichtet, besonders aktiv für die Förderung von Weinbau und Weinkultur einzutreten. Dies geschieht in Mainz und dem dazugehörigen Rheinhessen mit Enthusiasmus. Es ist die Trotzreaktion auf eine jahrzehntelange Phase der Stagnation, während deren Weine aus Rheinhessen als minderwertig galten, in großem Stil als Fassweine abgefüllt und für die berüchtigte Liebfrauenmilch verwendet wurden. Um das blasse Erscheinungsbild ihrer Region aufzubessern, haben sich in den vergangenen Jahren vor allem junge Weinerzeuger in vielen Initiativen zusammengeschlossen. Die Winzervereinigung "Message in a Bottle" füllt nicht nur Spitzenweine in die Flaschen, sondern will auch gemeinsam kulturelle Botschaften rund um den Wein verbreiten. Bei der alljährlichen Prämierung der Selection Rheinhessen sind junge Winzer immer stark vertreten, weil sie die Vorgaben des Wettbewerbs - alte Reben, klassische Rebsorten, Weinlese von Hand - offenbar besonders kreativ und kompromisslos verfolgen.

          Herausragende Leistungen

          Die Weinbauern gehen jetzt auch verstärkt auf ihre Kundschaft zu. So veranstalten Rheinhessens Jungwinzer im Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke jeden ersten Dienstag im Monat einen Weinsalon, bei dem jeweils sechs Weingüter in entspannter Atmosphäre ihre Kreationen vorstellen; jeder Winzer ist persönlich anwesend. Hier findet man Raritäten und Neuigkeiten, die noch nicht in Weinstuben und Geschäften angeboten werden. Jeden Samstag während des Sommerhalbjahres steht beim Marktfrühstück ein Mainzer Winzer im Mittelpunkt und schenkt seine Weine an langen Tischen zu den improvisierten Mahlzeiten aus, die sich die Besucher selbst von den Marktständen mitbringen können. Dutzende von Winzern, Gastronomen und Hausfrauen haben sich außerdem zu Kultur- und Weinbotschaftern ausbilden lassen und bieten ein vielfältiges Programm an, das von römischer Weinkultur über Weinsensorik bis hin zu Weinbergswanderungen reicht. Auch die gehobene Gastronomie hat ein neues regionales Selbstbewusstsein entwickelt und experimentiert mit traditionellen Gerichten. Handkäs-Carpacchio oder gratinierte Fleischwurst mit Senfkruste sollen die bodenständige Küche der Weinstuben mit zeitgemäßen Ansprüchen verbinden.

          Die "Great Wine Capitals" unterstützen solche Initiativen und veranstalten alljährlich in sieben Kategorien den Wettbewerb "Best of Wine", bei dem herausragende Leistungen rund um Weinbau und Weintourismus prämiert werden. Gleich im ersten Jahr der Mainzer Mitgliedschaft hat die Vereinigung Urlaub beim Rheinhessenwinzer einen Preis gewonnen, der fünfzig Weinbaubetriebe mit Gästezimmern angehören.

          Information: Touristik Centrale Mainz, Telefon: 06131/286210, Internet: www.info-mainz.de und www.greatwinecapitals.com.

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