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Deutschland : Auch Wanderwege brauchen Sponsoren

  • -Aktualisiert am

Die gute Nachricht zuerst: Deutschland läuft. Zählte das Deutsche Wanderinstitut 1995 bei seinen Erhebungen noch zweiunddreißig Millionen deutsche Wanderer, waren es im vorigen Jahr fünfunddreißig Millionen.

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          Die gute Nachricht zuerst: Deutschland läuft. Zählte das Deutsche Wanderinstitut 1995 bei seinen Erhebungen noch zweiunddreißig Millionen deutsche Wanderer, waren es im vorigen Jahr fünfunddreißig Millionen. Und besser noch: Fast die Hälfte der Befragten geht nun "häufig wandern"; früher war es nur ein Viertel.

          Solche optimistisch stimmende Zahlen trug vorige Woche Rainer Brämer, Natursoziologe und Mitglied der Forschungsgruppe Wandern an der Universität Marburg, gleich zu Beginn des ersten Beitrags der Fachtagung "Trendsport Wandern?" in der Thomas-Morus-Akademie Bensberg vor. Na prima, hätte man deshalb denken können, alles im grünen Bereich; und man hätte Stiefel und Ränzlein schnüren wollen und losgehen in die hügeligen Weiten des Bergischen Landes, statt sich im Konferenzraum den Charts auf der Leinwand und den Regionalmodulen solcher Internetseiten wie www.wanderbares-deutschland.de zu widmen. Aber draußen regnete und schneite es, und bis im Rahmen des Programms der wundersame Einfluß einer "Wildwetterwanderung" auf die Seelenbildung vorgestellt wurde, war längst das viel kritischere Resümee der Veranstaltung formuliert: Wandern ist kein Selbstläufer. Mag die Statistik auch noch so überzeugend Jahr für Jahr neue Gipfel erklimmen.

          Gute Bildung, hohes Einkommen

          Weil nämlich das, was das Gros der Wanderer sucht - den Naturgenuß in schöner Landschaft (85 Prozent) -, in Deutschland immer schwieriger zu finden ist und das, was er meiden will, etwa Müll (85 Prozent), Autos (64 Prozent) und Verkehrslärm (52 Prozent), sich längst seinen Weg in die Wälder und Auen gebahnt hat, kommt der Wanderer keineswegs von jedem Ausflug zufrieden nach Hause. Nur der zufriedene Wanderer aber ist der Ökonomie, zumal der lokalen, ein guter Wanderer. Denn nur er kommt wieder und wieder, und nur er läßt sein Geld gern in den Gaststätten und Hotels eines Landstrichs zurück. Und davon nicht einmal wenig. Denn der Wanderer ist nicht nur überdurchschnittlich gut gebildet, er verfügt auch über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen. Doch das hat der Fremdenverkehr ländlicher Regionen noch nicht vollends begriffen, weshalb das Werben um den Wanderer erst allmählich beginnt. Und weshalb sich das Angebot noch immer vergleichsweise bescheiden ausnimmt und nicht selten an den Bedürfnissen der Wanderer vorbeizielt. Ganz zu schweigen von der mangelnden "Wanderkompetenz" vieler Wirte.

          All das könnte sich demnächst ändern. Denn der Deutsche Wanderverband hat jetzt einen Kriterienkatalog aufgestellt, nach dem Wege, Unterkünfte und Prospekte überprüft werden können und im Idealfall eine bestimmte Strecke mit einem Gütesiegel ausgezeichnet wird; bisher sind dies der Eggeweg, der Frankenweg und der Kellerwaldsteig in Hessen. Mehr als sieben weitere, so vermutet der Verband, würden in diesem Jahr wohl nicht hinzukommen, denn die Anforderungen sind hoch.

          Punktabzug für Starkstromleitung

          Untersucht werden jeweils in einem Vier-Kilometer-Segment unter anderem der Untergund des Wegs, Markierungen, landschaftliche Besonderheiten und kulturelle Attraktionen. Führt der Pfad an einer Starkstromleitung entlang, gibt es erheblichen Punktabzug; werden mehr als drei Prozent der Strecke von Autos befahren und ist weniger als ein Drittel naturbelassen, wird das Zertifikat ganz verweigert. Dann wird der zuständigen Gemeinde empfohlen, den Weg kurzerhand umzulegen. Bei historischen Routen aber wird ein solcher Vorschlag von Puristen rigoros abgelehnt. Plant hingegen eine Region, einen "Premiumweg" neu anzulegen und von Beginn an alle geforderten Kriterien zu berücksichtigen, kündigt der Naturschutz seinen Widerstand an. Davon jedenfalls berichtete während der Tagung Georg Steiner, der Geschäftsführer des Tourismusverbands Ostbayern.

          In der überzeugten Absicht, Wandern "kultiger" zu machen, und im festen Glauben, daß sich eine ganze Reihe von bisher ungenutzten touristischen Angeboten "wanderisieren" ließen - Ernährungskurse etwa oder Sprachunterricht -, startet Steiner in diesem Jahr mit einem Budget von achthunderttausend Euro eine Wanderoffensive im Bayerischen Wald. Innovativ darf man dabei auch seinen Versuch nennen, mit einem neuen Weitwanderweg eine Markenpartnerschaft einzugehen und den Sponsor - nach dem Prinzip etwa des Münchner Fußballstadions - zum Namenspatron des Pfads zu machen. Mit wem er bereits verhandelt, wollte Steiner nicht verraten. Wir könnten uns einen Paulaner-Steig vorstellen mit mindestens einem Bierausschank pro Vier-Kilometer-Segment.

          Fichtenkronen als Mandalas

          Trinken bis zur Trance zählte im übrigen nicht zu den Vorschlägen Reinhard Schobers vom Münchner Institut für Verhaltensanalyse, der ansonsten kaum eine Möglichkeit ausließ, Glückserlebnisse im wirkungsorientierten Wandern zu finden: ob man nun auf dem Waldboden liegt und sich die Fichtenkronen zu Mandalas schönredet, ob man von Brücken aus mal das entgegenkommende, mal das davonfließende Wasser betrachtet, sich die Zeit nimmt, Schnecken beim Laufen zuzuschauen, oder man sich, den Wildschweinen gleich, an Baumstämmen den Rücken scheuert. Das Laufen freilich war ihm dabei nur noch halb so wichtig, weshalb er nun kleine Wanderparks entwirft von der Größe eines "Säugetierterritoriums", die entlang ihres überschaubaren Wegenetzes eine Fülle von Abwechslung bieten. Das wird dann wohl der nächste Trendsport sein: Aktivfaulenzen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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