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: Das Winterwunderland

  • -Aktualisiert am

Panorama-Sicht soweit das Auge reicht Bild: Stefanie Lehnart

Eine Zeitreise an die Cote d'Azur der Belle Epoque: Zu prunkvollen Hotels, immergrünen Gärten und hochbetagten Villenbesitzerinnen.

          3 Min.

          Zwei Wochen lang hatte die beschwerliche Anreise per Postkutsche und Dampfer gedauert, ehe der schottische Arzt Tobias Smollett seine Unterkunft an der französischen Riviera erreichte. 238 Jahre ist das her. In Nizza bezog er Quartier, um sich als sein eigener Proband das gesundheitszuträgliche Winterklima der Küste angedeihen zu lassen. Smolletts "Reisebriefe" von 1766 animierten die Zeitgenossen reihenweise zur Nachahmung. So darf der Schotte, der die damals unfaßbare Marotte besaß, im Meer zu baden, als Begründer des Winterkururlaubs an der Riviera angesehen werden.

          In den kommenden Jahrzehnten übersiedelten sieche Aristokraten in Scharen an die Küste mit ihrer wintermilden Durchschnittstemperatur von zehn Grad. Um 1900 waren es schon mehrere tausend. Mit der Belle Epoque, dem Goldenen Zeitalter des Bürgertums, erreichten der winterliche Gästezustrom und die Prachtentfaltung der Hotelpaläste ihren Höhepunkt - und vorerst auch ihren Abschluß. In dieser Ära der Mode und Eleganz, des Luxus und Snobismus mag man sich die Cote d'Azur als lebendiges Abbild des Thackerayschen Jahrmarkts der Eitelkeiten vorstellen, als Zirkus reicher, schöner, kranker, fleisch- und blutgewordener Helden der Gesellschaftsromane jener Zeit.

          Märchenhafter Rückzugsort

          Einen geradezu märchenhaften Rückzugsort jener verklärten, schönen Epoche hat sich die Baronin Beatrice Ephrussi de Rothschild auf Cap Ferrat, einer Halbinsel etwa dreißig Kilometer östlich von Nizza, erbauen lassen. Die Bankiersgattin suchte den Glanz des Versailler Hofes von Marie Antoinette wiederauferstehen zu lassen, zu einer Zeit, als die Cote d'Azur allmählich auch als Ort der Sommerfrische entdeckt wurde.

          Das Régina Palace in Nizza
          Das Régina Palace in Nizza : Bild: Stefanie Lehnart

          Dem belgischen König Leopold II. warb sie das sieben Hektar große Grundstück ab, um in siebenjähriger Bauzeit ihren Palazzo "Ile de France", einen Renaissancetraum in Rose, zu realisieren. In einem der zwölf erlesen ausstaffierten Salons empfing sie ihre Gesellschaft gern in der Aufmachung der verschwenderischen Königin, sofern sie nicht durch einen ihrer sechs Themengärten lustwandelte und über den Erwerb weiterer kostbarer orientalischer Möbel, Gemälde von Tiepolo, Fragonard, Carpaccio oder filigraner Meißner Miniaturen nachsann. All diese Herrlichkeiten sind heute zugänglich, da die Baronin ihr Anwesen mit ihrem Tod im Jahr 1934 der Academie des Beaux Arts vermachte.

          Ein in Fels gerammter Luxusdampfer

          Im nahen Cap d'Ail, dem Grenzstädtchen zu Monaco, liegt das 1892 erbaute, frühere Hotel Eden wie ein in den Fels gerammter Luxusdampfer über dem Meer. Wie so viele der Hotelpaläste der Belle Epoque wurde auch das Eden schon vor Jahrzehnten in ein Appartementhaus umgewandelt. In fast jedem Küstenort findet man einen solch prunkvollen ehemaligen Hotelpalast - im Zeitalter des Stahls fast jeder mit mächtiger Kuppel und ornamentaler Glasverzierung -, der heute als Zweitwohnung betuchter Pariser dient. Eines der monumentalsten Beispiele vergangener Hotelarchitektur ist das Regina Palace im Nizzaer Stadtteil Cimiez. Mit seiner gigantischen Größe vermittelt der Palast einen annähernden Eindruck vom Umfang der Entourage, mit der die damalige Hocharistokratie - in diesem Falle Königin Victoria von England, für die das Haus 1897 errichtet wurde - auf Reisen ging: Im Laufschritt brauchte man gut eine Viertelstunde, um den Koloß zu umrunden.

          Vergleichsweise klein, aber nicht minder fein sind die Villen hoch über dem dreieinhalb Kilometer langen Küstenweg zwischen Monaco und Cap d'Ail: "Les Violettes", "La Rondine", "Castel Lina", "Capponcina", "Mirasol" - hier lebten und verkehrten Sacha Guitry, Josephine Baker, Greta Garbo, Winston Churchill und Soraya. Vom Meerwasser angerostete Schilder entlang des Küstenpfads weisen dem Spaziergänger diese großen Namen aus, jedoch kann er den Hals kaum derart in die Höhe über Hecken und Gemäuer recken, daß er auch nur wenig mehr als den Dachfirst einer solchen Prunkbehausung sähe. So erfreut er sich einfach an den Agaven, Feigenkakteen, Johannisbrotbäumen und dem Schilfrohr, die Hitze, Salzwasser und Mistral trotzen. In geschützteren Gebieten der Alpes-Maritimes erwachen nun auch einjährige Winterschönheiten wie Levkojen, Lichtnelken und Lupinen aus ihrem Sommerschlaf. Zwar sterben diese zarten Blumen im Frühjahr wieder ab, haben im Unterschied zu den immergrünen Hartlaubpflanzen mit ihren pelzigen, wachsüberzogenen Blättern aber ungleich eleganter geblüht.

          Nizza-Synonym: Hôtel Negresco

          Die greise Immobilienerbin Madame Jeanne Augier aus der Normandie, eine geistige Nachfahrin der Baronin Ephrussi, führt seit vielen Jahrzehnten das Hotel Negresco an der Promenade des Anglais in Nizza, eines der wenigen Luxushäuser weltweit in privater Hand, das noch den Namen seines Gründers trägt. Mit dem 1913 eröffneten Art-deco-Palast erfüllte sich der rumänische Wirtshaussohn Henri Negresco damals wahrhaft einen Tellerwäschertraum, der im Ersten Weltkrieg endete - mit einer ganzen Epoche. Erst in den späten 50er Jahren wiedereröffnet, versammeln sich heute durch Madame Augiers unermüdlichen Einkauf Kunstgegenstände aus allen Epochen auf den Etagen des Negresco: ein abenteuerliches Arrangement mit "Nanas" von Niki de Saint Phalle neben Herrschergemälden von Rigaud, Bildern von Picasso und Cocteau, afrikanischen Statuen und indischen Elefanten. Staub einiger schöner Epochen wäre vonnöten, um diese leicht grelle Sammlerwut ein wenig abzudämpfen.

          Anreise: Germanwings fliegt fünf Mal wöchentlich ab 19 Euro ab Köln-Bonn nach Nizza. Informationen unter Tel. 01805/ 95585 oder www.germanwings.com.
          Information: Stadtführungen zum Thema "Belle Epoque" kann man in Nizza und Cap d'Ail buchen. Informationen erteilt das französische Fremdenverkehrsamt Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Tel. 0190/570025, info@franceguide.com, www.franceguide.com.
          Unterkunft: In Sichtweite zu einigen der herrlichsten Belle-Epoque-Villen kann man im mittelalterlichen Chateau Eza in Eze Village, einem der "Small Luxury Hotels of the World" an der Cote d'Azur, übernachten. Doppelzimmer ab 230 Euro. Buchungen und Information unter Tel. 00800/52548000 (gebührenfrei) und www.slh.com.

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