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Cannes : Zehn Tage Hölle

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Hohe Absätze gibt es anderswo auch und rote Teppiche ohnehin Bild: dpa

Air France fliegt Sonderschichten aus Paris und nirgends bekommt man noch ein Zimmer. Auf der Croisette schieben sich die Menschenmassen an den Autos vorbei rauf und runter. Warum man Cannes während der Filmfestspiele tunlichst meiden sollte. Eine Glosse von Michael Althen.

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          Es kann schon sein, dass Cannes einst ein hübsches Örtchen war, in dem sich in noblen Hotels inmitten malerischer Verschlafenheit gut leben ließ. Mittlerweile ist Cannes nicht mehr hübsch, geschweige denn malerisch, und schon gar nicht verschlafen - am wenigsten in jenen beiden Wochen im Mai, in denen dort das Festival International du Film stattfindet. Dann ist dort die Hölle los, und nur weil die Sonne scheint und der Himmel so blau ist, halten das viele immer noch fürs Paradies.

          Eine Woche vorher sieht man noch nichts. Cannes ist ein kleiner Ort an der Küste, so verbaut wie viele andere, nichts Besonderes. Es gibt mondänere, populärere, schönere an der Côte d'Azur. Doch plötzlich, zu den Filmfestspielen, scheint das Städtchen zu explodieren vor lauter Leben. Air France fliegt Sonderschichten aus Paris, um die Gäste aus aller Welt herbeizuschaffen, und nirgends in Cannes bekommt man noch ein Zimmer, zu normalen Preisen sowieso nicht. Und auf der Croisette, auf der ein Filmplakat nach dem andern nach Aufmerksamkeit schreit, schieben sich die Menschenmassen an den Autos vorbei rauf und runter. Das ist Cannes, laut, teuer, voll.

          Alles sehr prickelnd

          Dreißigtausend Leute aus der Filmbranche kommen hier jährlich zusammen, und wer einmal nicht kommt, ist krank, tot oder hat die Branche gewechselt, was ungefähr das Gleiche ist. Produzenten, Verleiher, Agenten, Autoren, Schauspieler, Regisseure, Anwälte, Kritiker, Kinobesitzer, Banker, alle sind da und verhandeln, reden, trinken, feiern. Und manchmal, aber nur manchmal, gehen sie auch ins Kino. Dazwischen laufen fünftausend Journalisten und Fotografen herum und hoffen ernsthaft, die Einzigen oder wenigstens Ersten zu sein, die etwas sehen, mitkriegen oder aufschnappen, was sonst noch keiner hat. Und weil sie aber von Berufs wegen nicht sonderlich einfallsreich sind, laufen sie immer dorthin, wo ohnehin schon alle sind - weswegen alle immer dasselbe sehen, schreiben und fotografieren. Und weil das sehr anstrengend und sehr, sehr frustrierend ist, müssen sie dann auch viel reden, trinken und feiern. Und dann schreiben sie, wie prickelnd das alles ist, weil die Wahrheit ohnehin keiner hören will: dass Cannes ein hässlicher, verbauter Ort an der Côte d'Azur ist, der zehn Tage im Mai so tut, als sei das wahre Leben nicht immer anderswo. malt

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