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Bulgarien : Wir sind Europa

Bulgarien: Die Weichen für Europa sind schon gestellt Bild: F.A.Z./Matthias Luedecke

Herzland, nicht Hinterland und eine Goldgrube an Ideen, Kraft und Menschen: Bulgarien und der Traum vom europäischen Glück.

          Europa ist gut. Alle wollen Europa. Das ganze Volk liebt Brüssel, Verfassung und Bürokratie inbegriffen. Europa ist sein Glücksversprechen. Übernächstes Jahr soll es endlich eingelöst werden. Übermorgen ist Parlamentswahl, und keine einzige der untereinander rettungslos zerstrittenen Parteien geht mit EU-Nörgeleien auf Stimmenfang. Das klingt nach einem Märchenwunderland für sentimentale Europa-Enthusiasten, die noch nicht vom Glauben an den vereinten Kontinent abgefallen sind. Doch dieses Land gibt es wirklich. Es liegt dort, wo Europa gerne seinen schmuddeligen Hinterhof vermutet.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          *

          Die bekannteste Seite des wenig bekannten Beitrittskandidaten Bulgarien ist seine Schwarzmeerküste, einst die Badewanne erholungsbedürftiger Klassenkämpfer, heute das preisgünstige Ausweichziel mallorcamüder Alt- und Neukapitalisten. Daß die beiden Systeme zumindest ästhetisch Frieden geschlossen haben, kann man entlang der Küste mit dem Erstaunen des ahnungslosen Alteuropäers feststellen. Am Strand dominiert nach wie vor die Platte mit Meerblick, während in der schönen, lebenslustigen Stadt Varna, der Herzkammer von Bulgariens Schwarzmeerstreifen, der pathetische Protzkoloß des Denkmals für die sowjetisch-bulgarische Freundschaft noch immer auf seinem hohen Hügel thront. Ein Bildersturm hat nach der eher beiläufigen Abschaffung des Sozialismus nicht stattgefunden - warum auch, man verstand sich ja nicht schlecht. Das ewige Freundschaftsfeuer ist jetzt allerdings ein vorübergehendes und wird nur noch an hohen kommunistischen Feiertagen angezündet.

          Der Westen ist schon da

          Die Bauten der Bourgeoisie, die prachtvollen neoklassizistischen Kaufmannshäuser mit applizierten Stucksäulen, hat Varna seit der Zeitenwende aber auch nicht vernachlässigt, sondern ihnen ein neues Kleid in freundlichen Pastellfarben verpaßt und so jede planwirtschaftliche Tristesse verscheucht. Varna ist ein herausgeputztes, von Kastanien und Linden beschattetes Schmuckkästlein, in dem es alles gibt, was auch Städte im Westen zu bieten haben, einschließlich einer ausgedehnten Fußgängerzone voller Fast-food-Filialen, Springbrunnen und Straßencafes. Wenn man es sich dort bequem macht und aus streng soziologischem Interesse der unaufhörlichen Parade nicht minder herausgeputzter Frauen mit laufstegtauglichen Figuren, lebensgefährlichen Absätzen und aerodynamischen Sonnenbrillen nachschaut, um sie anschließend mit den gepiercten, tätowierten, übergewichtigen, badeschlappenschlurfenden Touristinnen aus dem goldenen Westen zu vergleichen, gerät man ins Grübeln darüber, wo die Zukunft Europas liegt.

          Darüber, daß es ein Europa ohne Bulgarien nicht geben kann, sind sich all die Herren und auch die wenigen Damen einig, die von ihren Plakaten auf Varnas Wahlvolk hinunterschauen - allen voran der Ministerpräsident und ehemalige Zar Simeon Sakskoburggotski, der eine Spanierin zur Frau hat, einen zweiten Lebensmittelpunkt in Madrid unterhält und schon allein deswegen ein Garant der bulgarischen Europazugehörigkeit ist. Um so besorgter sind die gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden aufgenommen worden, mehr aber noch beunruhigen die Mahnschreiben aus Brüssel, in denen das schleppende Reformtempo bemängelt wird. Die Angst, nicht dabeisein zu dürfen, die Furcht, all die Anstrengungen und Entbehrungen der vergangenen Jahre könnten umsonst gewesen sein, ist so groß, daß dem deutschen Bundespräsidenten ein im Nebensatz fallengelassenes "Pacta sunt servanda" gleich eine dicke Schlagzeile in den bulgarischen Blättern einbringt.

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