https://www.faz.net/-gxh-utqx

Bremen : Ein Hort deutscher Kaffee-Kultur

  • -Aktualisiert am

Kaffee an jeder Ecke gibt es in Bremen - so wie in der Böttcherstraße Bild: picture-alliance/ dpa

Wie keine andere Stadt hat sich Bremen um die deutsche Kaffeekultur verdient gemacht. Mehr als dreihunderttausend Tonnen Rohkaffee werden dort bis heute umgeschlagen. Das wirkt sich auch auf die Gastronomie der Hansestadt aus.

          3 Min.

          Im Juli 2004 wurde der Bremer Marktplatz von der Unesco zum Kulturerbe der Menschheit erklärt. Das Rathaus und der aufrechte Roland davor gelten als Zeugnis der Autonomie des europäischen Bürgertums und als Symbole für die Privilegien einer freien Hansestadt. Vom Kaffee war bei der Entscheidung nicht die Rede, obwohl sich Bremen wie keine andere Stadt um die deutsche Kaffeekultur verdient gemacht hat.

          Im Gebäude des Schütting, dem Sitz der einflussreichen Kaufmannschaft, eröffnete 1673 am Bremer Marktplatz das erste deutsche Kaffeehaus. Die Erlaubnis für das Brauen und den Ausschank des damals wenig bekannten „außländischen indianischen Getränkes“ hatte ein unternehmungslustiger Holländer namens Jan van Huesden beantragt, und der Bremer Senat traf eine weitsichtige Entscheidung, indem er dem ungewöhnlichen Ersuchen stattgab.

          „Der Caffée ist nun einmal ein Bedürfnis geworden“

          Seither ist Bremen Kaffeestadt. Der hanseatische „Waaren-Agent“ J. C. Zimmermann notierte schon 1849: „Der Caffée ist nun einmal ein Bedürfnis geworden, und man kann ihm seine Wohltätigkeit nicht absprechen.“ Im großen Stil begann die Kaffeeherstellung allerdings erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts: Johann Jacobs eröffnete damals eine Kaffeehandlung mit eigener Rösterei, und Carl Ronning gründete eine Firma, die erstmals abgepackten Kaffee verkaufte. Ludwig Roselius entwickelte das Entkoffeinierungsverfahren für seinen Kaffee HAG, und das Versandunternehmen von Elisabeth Schilling verschickte Kaffeebohnen auch in die entlegensten Regionen des Deutschen Reiches.

          Von der Kaffee-Industrie finanziert: Der Goldene Engel am Eingang zur Böttcherstraße
          Von der Kaffee-Industrie finanziert: Der Goldene Engel am Eingang zur Böttcherstraße : Bild: picture-alliance/ dpa

          Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Bremen mehr als vierzig Röstereien und etwa zweihundert Versandhäuser. Nach dem Krieg ging der Aufschwung weiter; hundertzwanzig Röstereien zählte die Stadt im Jahr 1961. Seither allerdings sind alle großen Bremer Kaffeefirmen in internationalen Konzernen aufgegangen, die ihre Produktion zum großen Teil in andere Städte verlegt haben. Dennoch werden in Bremen bis heute mehr als dreihunderttausend Tonnen Rohkaffee umgeschlagen.

          Die sparsamen Kaufleute achten auf Stil beim Kaffee

          Auch die vielen Cafés, die sich in wenigen hundert Metern Umkreis um Dom und Marktplatz versammeln, kultivieren weiterhin Bremer Kaffeetradition auf höchstem Niveau. Das ist nicht selbstverständlich, denn anspruchsvolle Gastronomie hat es hier nicht leicht. Bei den meisten Wirten, die sich daran versuchen, gelten die Bremer als schwierige Klientel - zurückhaltend oder gar knauserig.

          Anders in den Kaffeehäusern: Offenbar haben die Ehefrauen der sparsamen Kaufleute bei ihrem Kaffeeklatsch schon immer auf Stil und Qualität geachtet und dafür ein paar Euro mehr ausgegeben. Sie haben wohl darauf bestanden, dass in einer Stadt, aus der zeitweise jede dritte Tasse des in Deutschland getrunkenen Kaffees stammte, standesgemäß Kaffee serviert und getrunken wird.

          Understatement als erste hanseatische Bürgerpflicht

          So konnten sich einige Cafés in den schönsten und repräsentativsten Häusern der Innenstadt ansiedeln. Das Café Stecker zum Beispiel, ein Klassiker der Bremer Kaffeehauskultur, befindet sich auf zwei Stockwerken hinter der noblen Fassade eines typischen Altbremer Hauses. Auch das Café Tölke und das Café Haus sind in honorigen Bremer Kontor- und Handelshäusern untergebracht, das Raths-Café sogar in einem der ältesten Gebäude am Marktplatz.

          Dort, wie auch im über hundert Jahre alten Café Knigge, genießen die Bremer eine vornehme, manchmal biedermeierlich angehauchte Kaffeehaus-Atmosphäre, die nur deshalb nicht über die Grenzen der Stadt hinaus berühmt ist, weil ein wenig Understatement auch hier die erste hanseatische Bürgerpflicht zu sein scheint.

          Eine hanseatisch gediegene Angelegenheit

          Dass Bremer Cafétradition nicht in plüschiger Vergangenheit steckenbleibt, beweist eine Neueröffnung am Marktplatz. Nur wenige Schritte vom Schütting entfernt, knüpft das Café Classico jetzt an den berühmten Vorgänger des Holländers Jan van Huesden an, setzt aber mit lockerer Atmosphäre und viel Licht auf eine jüngere Klientel und auf Touristen, die sich beim Nachmittagskaffee den fabelhaften Ausblick durch die großen Fensterscheiben auf Roland, Rathaus und Weltkulturerbe nicht entgehen lassen möchten.

          Auch die Fast-Coffee-Welle aus Amerika hat vor Bremen nicht haltgemacht. Aber sogar mancher Coffee-Shop bietet hier ein so behagliches Ambiente, dass die Kunden zu mehr als einer raschen Tasse Espresso verleitet werden. Kaffeetrinken in Bremen - das wird wohl eine hanseatisch gediegene Angelegenheit bleiben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Coinbase-Gründer Brian Armstrong in San Francisco im Jahr 2016

          Brian Armstrong : Der Mann hinter dem digitalen Goldrausch

          Keine 30 Jahre war Brian Armstrong alt, als er mit Coinbase ein Unternehmen gründete, das heute wertvoller als die New Yorker Börse ist. Er ähnelt den findigen Geschäftsleuten, die während des Goldrauschs im Wilden Westen Schaufeln und Spitzhacken verkauften.
          Quantencomputer von IBM

          Quantencomputer : Wunderwaffe für die deutsche Industrie?

          Eine Zukunftstechnologie, die von Google, IBM und Co. beherrscht wird, für den deutschen Mittelstand? Die Entwicklung beflügelt die Phantasie und könnte für manche Branchen ziemlich wichtig werden.
          Blick auf die Eliteuniversität Harvard in Cambridge, Massachusetts

          Exzellenzinitiative : Es gibt noch immer kein deutsches Harvard

          Die Exzellenzinitiative wollte deutsche Hochschulen in die Ranglisten internationaler Spitzenunis führen. Dieses Ziel wurde verfehlt – und doch der deutschen Forschung zu einer größeren Sichtbarkeit verholfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.