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Bodensee : Aida hat den besten Seeblick

  • -Aktualisiert am

Trügerisches Idyll: Die Mündung des Rheins muss mit Hilfe von Eindämmungen fünf Kilometer weit in den Bodensee vorgeschoben werden. Sonst würden die Mitbringsel des Flusses aus den Alpen die Ufer versanden lassen. Bild: Volker Mehnert

Deiche durchs Delta: Der Rhein bereitet den Menschen an seiner Mündung in den Bodensee viele Probleme. Doch man hat im Laufe der Zeit einfallsreiche Lösungen für ein gedeihliches Leben miteinander gefunden.

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          Ein dicker Felsbrocken lag mitten auf den Schienen. Weil das Nostalgiebähnchen aber nur mit fünfzehn Stundenkilometern am Rheinufer entlangzuckelte, konnte der Lokführer ganz sacht bremsen und den Zug rechtzeitig zum Stehen bringen. Mit einem Wagenheber und einer Brechstange hievte er den Wackerstein auf die Seite und nahm es gelassen: "Es gibt Leute, die mögen unser Bähnle nicht", lautete sein lakonischer Kommentar zu diesem Akt von Sabotage. Die Bahn, früher im Arbeitseinsatz beim Deichbau für die Rheinregulierung, wird seit drei Jahren von Eisenbahnenthusiasten erhalten und betrieben. Mit Elektro-, Diesel- und manchmal auch Dampfloks fahren sie Touristen an Wochenenden auf dem Hochwasserdamm hinein ins Naturschutzgebiet Rheindelta - und das ist offenbar manchem unduldsamen Vogelschützer ein Dorn im Auge.

          Provokationen dieser Art sind an der Bodensee-Rheinmündung freilich selten, denn der Rhein spaltet zwar die Interessen seiner Anwohner, er zwingt sie aber gleichzeitig zur Zusammenarbeit. Schließlich spült ihnen der Fluss die Probleme gleich tonnenweise vor die Haustür. Jahr für Jahr schiebt er zwei bis drei Millionen Kubikmeter Geröll und Sedimente aus Graubünden hinunter zum Bodensee. Wollte man einen Güterzug damit beladen, reichte er von Bregenz bis nach Gibraltar. Im unteren Flussabschnitt ist das Gefälle so gering, dass der Rhein seine Fracht nicht mehr reibungslos voranbringt. Seit Menschengedenken schob er in seinem Bett deshalb immer wieder Gesteinsbrocken zu hinderlichen Barrieren zusammen, blockierte sich damit selbst und trat anschließend regelmäßig über die Ufer. Die Anwohner mussten mit verheerenden Überschwemmungen leben, viele kamen dabei um.

          Grünliches Rheinwasser, dunkelblaues Seewasser

          Ende des neunzehnten Jahrhunderts begannen Schweizer und Österreicher nach jahrzehntelangen Verhandlungen mit der Flussbegradigung und später mit der Einengung des Flussbettes durch Dämme, um die Fließgeschwindigkeit des Wassers zu erhöhen. Die Überschwemmungen wurden seltener, doch der Rhein sorgte für ein neues Problem. Er schob nun seine alpinen Mitbringsel vermehrt in den Bodensee und lagerte an seiner Mündung ein ständig wachsendes Delta ab. In nur hundert Jahren verschob er das Vorarlberger Ufer drei Kilometer weit in den See hinaus, zuletzt dreißig Meter pro Jahr.

          Schöner sterben: Verdis „Aida” wird bei den Bregenzer Festspielen als Wasseroper mit Blick auf den Bodensee inszeniert.
          Schöner sterben: Verdis „Aida” wird bei den Bregenzer Festspielen als Wasseroper mit Blick auf den Bodensee inszeniert. : Bild: dpa

          Weil damit die Gefahr einer völligen Abtrennung und Verlandung der Bregenzer Bucht bestand, entschlossen sich die Anrainer zu einer radikalen technischen Lösung: Die Flussmündung wird derzeit im seichten Wasser mit Hilfe von Eindämmungen fünf Kilometer weit in den See hinein vorgestreckt - bis zur Abbruchkante zwischen der Flachwasserzone und dem tiefen Seegrund. Wie zwei parallele Nehrungen ragen die beiden Deiche in den Bodensee hinein, dazwischen fließt das grünliche Rheinwasser als helles Band mitten durch den dunkelblauen See.

          Grundproblem für Generationen

          Besonders dekorativ wirkt diese Farbkomposition aus der Luft. Aber auch wer mit dem Rheinbähnle über den Deich fährt oder mit dem Segelboot an der Mündung vorbeischippert, erkennt ganz deutlich die Wirkung dieser Maßnahme: Das kalte Gletscherwasser des Rheins vermischt sich kaum mit dem wärmeren Seewasser, sondern sackt mitsamt den Sedimenten sofort nach unten ab. Der Rhein kann auf diese Weise seine mitgeführten Ablagerungen über die Abbruchkante direkt in die tieferen Regionen des Sees hinunterspülen. Mittelfristig sind damit Überschwemmungen und Verlandung verhindert, doch das Grundproblem wird nur einige Generationen weitergereicht. Denn irgendwie und irgendwo muss der Rhein immer in den See hinein, und weil er mit seinem Gesteinstransport nicht aufhört, wird er den Bodensee weiter auffüllen und im Verlauf der nächsten zwanzigtausend Jahre zuschütten.

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