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Berlin-Souvenirs : Hier ist mehr als der Bär los

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Woran errinnert das? Die „Brandenburgertor-Bürste” gibt es am Gendarmenmarkt Bild: Julia Zimmermann

Berlin gilt als kreatives Zentrum des Landes. Nur in den Souvenir-Shops der Hauptstadt erkennt man das nicht unbedingt. Eine Einkaufstour zwischen Dosen mit Berliner Luft, DDR-Devotionalien, echten und falschen Mauerrelikten.

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          Erinnerung wird in Berlin an fast jeder Ecke verkauft: Souvenirs! Eine Armee von rot-grünen Ampelmännchen erwartet die etwa 8,2 Millionen Touristen, die nach Angaben des Amts für Statistik Berlin und Brandenburg jedes Jahr in die Hauptstadt kommen. Kunstbeflissene können ihre Berlin-Erinnerung mit Nofretete-Modellbaubögen und kleinen Buddy-Bear-Skulpturen wachhalten, Modebewusste mit Berlin-Designertaschen. Für Sammler gibt es Stocknägel (aber wer läuft heute noch mit dem Wanderstock herum), für Scherzkekse Berliner Luft in der Dose, für Gourmets Berliner Spreekiesel – kleine Dragees, die der erfahrene Deutschlandtourist auch aus Hamburg (Elbkiesel), München (Isarkiesel) oder Köln (Rheinkiesel) kennt.

          Laut einer Marktstudie der Technischen Universität Dresden, die vom „Bundesverband Souvenir Geschenke Ehrenpreise“ in Auftrag gegeben wurde, geben Touristen in Deutschland jährlich rund zwei Milliarden Euro für Mitbringsel aus, die sie an ihr Reiseziel erinnern sollen. Aber nicht immer funktioniert das auch, denn manche wissen gar nicht, woran sie sich überhaupt erinnern sollen: Heidi Bühler, die in einem Souvenirladen direkt am Checkpoint Charlie T-Shirts mit der Aufschrift „You are leaving the American Sector“ verkauft, sagt: „Manchmal wundere ich mich schon: Die Leute kaufen ein T-Shirt und fragen mich dann, was der Text eigentlich aussagt.“

          Rubel-Münzen und NVA-Schirmmützen

          Souvenirs aus Berlin kommt eine zusätzliche Aufgabe zu. Sie erinnern nicht nur an eine unternommene Reise, sondern an etwas, das es nicht mehr gibt: die Mauer und die deutsche Teilung. Am Checkpoint Charlie löst man dieses Problem mit Schauspielern in Volkspolizei-Uniform. Dass sie die Vergangenheit als Klamauk wiederaufstehen lassen, indem sie den strengen Grenzer mimen, missfällt einigen Ex-DDR-Bürgern sehr, die dort den Kalten Krieg erlebten. Für fünf Euro gibt es auch von Grenzkontrolleur Charlie ein Souvenir in den aktuellen Reisepass, aber nur nach eingehender Passbildkontrolle: sechs Stempel, die die Ein- und Ausreise in die DDR bestätigen.

          Keinen Bären aufbinden lassen: Originelle Mitbringsel sucht man in Berlin besser jenseits der Souvenirmeilen

          Am benachbarten Souvenirstand kann der aufmerksame Tourist erkennen, dass er sich nun in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone befindet: Dort gibt es alte Rubel-Münzen, NVA-Schirmmützen, Matroschkas und DDR-Orden zu kaufen. Der Renner des Stands sind laut Auskunft des Verkäufers aber die Gasmasken.

          Chinesen, Koreaner oder Japaner, die nach Berlin kommen, haben dagegen vor allem ein Ziel: Messer. Ganze Busladungen werden vor dem Zwilling-Laden von Yvonne Helbig am Ku’damm ausgekippt. „Sie kaufen gerne etwas, das man gebrauchen kann und landestypisch ist: Hier sind es Messer von Zwilling, in Paris Louis-Vuitton-Täschchen.“ Das Interesse der ausländischen Touristen an Markenartikeln bestätigt auch Asger Schubert, Pressevertreter der Deutschen Zentrale für Tourismus, der eine kurze Umfrage unter ausländischen Reiseagenturen durchgeführt hat, die Deutschlandreisen anbieten: „Dadurch, dass Meissen in diesem Jahr 300 wird, bringen viele Touristen momentan gerne Porzellan aus Deutschland mit.“ Zum Mauerfall-Jubiläum im letzten Jahr verkauften sich vor allem die Mauersteine gut: ob als Brösel in Underberg-Fläschchen oder im „repräsentativen Acrylbogen“ mit Echtheitszertifikat.

          Nicht alle Mauerstücke sind allerdings echt – auch nicht jene, die ein Zertifikat tragen. Aber die Steine, die Souvenirgroßhändler Volker Pawlowski den Läden anliefert, sind original – zumindest der Beton. Über vierzig Mauerstücksegmente hat er vom Recycling-Hof gerettet und bereitet sie nun auf: Steine mit bunten Graffiti verkaufen sich besser, und so lässt er sie nachträglich besprühen.

          Ausgedientes Bauwerk mit Echtheitszertifikat

          Mauer-Relikte kosten etwa zwischen drei und zwanzig Euro und fallen damit in die Preisspanne, die der Normaltourist laut Marktuntersuchung ausgibt: Etwa drei bis fünf Prozent seines Reisebudgets gibt er für Erinnerungskrücken aus – pro Reise sind das meist zwischen zehn und zwanzig Euro.

          Die Idee, mit einem ausgedienten Bauwerk Geld zu machen, ist übrigens nicht neu: Schon Pierre-François Palloy, der 1789 die Pariser Bastille abriss, ließ aus ihren Kerkersteinen und -ketten Souvenirs anfertigen – mit Echtheitszertifikaten.

          Der Weg zu wirklich originellen Berlin-Souvenirs

          Prenzlauer Berg

          Wem der echte Alex zu trist ist, sollte zur „kleinen Gesellschaft“ gehen. Dort gibt es den Fernsehturm in kariert, gepunktet und unifarben - als Baby-Rassel (www.kleinegesellschaft.de, Rykestraße 41 und Friedrichsstraße 129 (Mitte), 0 30/56 73 48 50).

          Bei Ährenkranz bekommt man das „Berghain“ fürs Handgelenk: Die Taschen des Labels tragen die Namen von berühmten Berliner Nachtclubs (www.aehrenkranz.de, Pappelallee 66, 0 30/81 01 91 36).

          Berlin zum Selberbasteln verkauft Berliner Luft. Hier gibt es zum Beispiel die Siegessäule oder den Palast der Republik als Bastelbogen (www.berlinerluft.org, Kopenhagener Straße 64, 0 30/23 18 01 46).

          Ob Döner, Politiker oder Fernsehturm - wer für sein Kind ein Ausmalbuch mit Berlinmotiven sucht, findet das in der Kinderstube (www.diekinderstube.com, Knaackstraße 20a, 0 30/ 44 35 20 04).

          Für Vogelliebhaber hat Kunstschule den Futter-Alex im Angebot, einen Meisenknödelhalter fürs Blumenbeet. Für Vergessliche gibt es den Parkplatzmerkassistenten, einen Stadtplan, auf dem man sein geparktes Auto mit einem Magneten markieren kann (www.kunstschule.net, Hufelandstraße 13, 0 30/29 77 93 61).

          Berlin-Souvenirs für ganz Kleine - wie zum Beispiel den Fernsehturm-Kinderwagenanhänger - gibt es bei Nanito (www.nanito.de, 0 30/44 30 89 37).

          Friedrichshain

          Berlin-Motiv-Tapetenborte, Pfefferstreuer oder Abrissblock in Form des Palasts der Republik: Beim Berlinomat gibt es wunderbar Nützliches und wunderbar Überflüssiges, und das alles von Berliner Designern (www.berlinomat.de, Frankfurter Allee 89, 0 30/42 08 14 45).

          Bei Fingerwerk & Augenweide bekommt man die Berliner Buddy Bears in einem eher ungewöhnlichen Format: als Daumenkino für die Handtasche (www.fingerfilme.de, Kopernikusstraße 1, 0 30/60 92 70 20).

          Den plexigläsernen Fernsehturm fürs Ohr oder die urst-Kette für den Hals (“urst“ ist ein ostdeutsches Wort für großartig) gibt es bei SupaRina in der Niederbarnimstraße 6 (www.suparina.de, 0 30/66 30 96 42).

          Kreuzberg

          Der Laden polli überall verkauft liebevoll bemalte und beklebte Berliner Fußbodendielen, die nun als Handtuchhalter oder Schlüsselbretter fungieren (www.polli-ueberall.com, Körtestraße 3, 0 30/21 46 48 52).

          Lichtenberg

          Bei Berliner Töchter leuchtet die Hauptstadt: Hier gibt es unter anderem Lampen mit Berlin-Motiven - und die berühmten Frühstücksbrettchen (www.berliner-toechter.de, Tuchollaplatz 4, 0 30/29 04 67 28).

          Mitte

          Originelle Artikel wie die Fußmatte „Wannseeliebe“ oder ein Nagelbürstchen in Form des Brandenburger Tors hat Ach Berlin am Gendarmenmarkt in seinem Sortiment
          (www.achberlin.de, Markgrafenstraße 39, 0 30/92 12 68 80).

          Neukölln

          Einmaliges und Handgefertigtes stellt die Ahoj-Souvenirmanufaktur her: zum Beispiel das Bulette-mit- Senf-Band oder den Neukölln-macht-glücklich-Aufkleber
          (www.souvenirmanufaktur.de, Hertzbergstraße 1, 0 30/ 6 85 96 91).

          Schöneberg

          Geschichte zum Umhängen findet man im Glasperlenatelier dbeads: In dem Anhänger „Mauerperle“ ist ein Stück Berliner Mauer verarbeitet (www.dbeads.com, Akazienstraße 30, 0 30/21 91 23 69).

          Wilmersdorf

          Karierte Schachtel mit blauer Schleife, das ist das Markenzeichen von Erich Hamann, einer Schokoladenmanufaktur aus Berlin, die sich auf Bitterschokolade spezialisiert hat (www.hamann-schokolade.de, Brandenburgische Straße 17, 0 30/ 8 73 20 85 / 86).

          smho

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