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Berlin : Det hammwa nich - Eine Polemik

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Die Berliner werfen sich gegenseitig ihre Östlichkeit und ihre Westlichkeit vor. Für den Besucher ist hier alles Ostblock. Der Trümmerklassizismus pompöser Alleen und der Brachfelder, die sich dazwischen aufreißen, bildet eine urbane Katastrophentextur. Die Häuser strahlen eine düstere Entschlossenheit aus, sie sagen: so und nicht anders. Die Architektur widerlegt die frommen, demokratischen Lippenbekenntnisse aus dem Reichstag. Der Potsdamer Platz, eine konzertierte Aktion der am besten bezahlten Architekten der Welt, ist das schäbigste Potemkinsche Dorf auf Gottes verwüsteter Erde: eine Apotheose der Traditionslosigkeit. Das Publikum, das dort herumstromert, ist wohl kaum jenes, das die Schöpfer sich vorgestellt haben. Und dann gibt es ja nicht weit davon den Palast der Republik. Das beste wäre, mit ihm auch den Berliner Dom abzureißen; das Spreeufer am Alten Museum würde seinen alten Charme zurückerhalten.

Der antizivilisatorische Affekt

Und dann kommen wir an einem Gebäude vorbei, das einen Namen mit dreiundzwanzig Buchstaben hat: Musikinstrumentenmuseum. Man beachte das "ten". Während man Bezeichnungen an Museumstüren sonst als Nominativ oder Akkusativ auffassen kann, hat sich hier ein Dativ eingeschlichen, mitten ins Wort. Renitenter Akt gegen das Aussterben der Genera, das man sonst in Berlin beobachten kann? Besonders der Genitiv führt abseits der Stadt auf einer Datsche ein bescheidenes Privatleben und wird kaum noch gesehen.

Berlin ist eine unerotische Stadt. In keiner anderen europäischen Hauptstadt sind die Menschen so schlecht gekleidet. Wer glaubt, das läge daran, daß es hier nach Osten geht, der werfe einen Blick auf die Damen in der Altstadt von Warschau oder in Moskau - und er wird begreifen: Berlin war schon der Tiefpunkt, danach geht es wieder bergauf. Viele dieser durch die Alleen marschierenden, jungen Frauen tragen Lederjacken. Man weiß gleich: Zu spaßen ist mit ihnen nicht. Berlin ist ein Paradox, eine Zivilisation, die auf einem antizivilisatorischen Affekt basiert. Aber ist eine Dame, die sich nicht als Dame benimmt, weiterhin als Dame zu behandeln? Die Frage muß leider bejaht werden. Erst die Selbstüberwindung macht den Gentleman.

Der Gast wendet sich mit Grausen

Die masochistische Faszination mancher Männer für Frauen vom Typ Lagerärztin kann man im neuen "Newton-Museum" neben dem Bahnhof Zoo bestaunen. Keinem anderen Fotografen der Welt wurde bisher ein solches Museum eingerichtet, selbst die Fondation Cartier-Bresson in Paris ist ein bescheidenes Häuschen, verglichen mit den preußisch-strengen Hallen, die man Newton eingerichtet hat. Gerade die großflächige Präsentation auf weißen Bauhauswänden offenbart die Armut der bildnerischen Einfälle des Modefotografen. Die großen Frauenakte offenbaren zudem einen dunklen Aspekt der rätselhaften Liebe vieler Juden zur deutschen Kultur. Auf die Frage, welche Art von Mädchen ihn erregen, antwortete Woody Allen: "Oh, großgewachsene, frostige, unnahbare teutonisch-preußische Mädchen. Ich bewundere ländlich aussehende Blonde. Ich mag ein Mädchen, das arrogant, verdorben und dirty ist - und zugleich brillant und schön."

So sehen auch die Frauen von Helmut Newton aus, ein Frösteln läuft einem den Rücken entlang. Aber der Fotograf hat sie nicht erfunden, wie die Straßen von Berlin beweisen. Es wendet sich der Gast mit Grausen, doch zuvor wirft er noch einen Blick ins Besucherbuch des Newton-Museums. Dort hat jemand geschrieben: "Newton is like Berlin: No taste whatsoever."

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