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Berlin : Det hammwa nich - Eine Polemik

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"Berlin ist keine Stadt, sondern eine Verabredung." Der lokalpatriotische Poet verteidigt seine Wahlheimat. Eine Verabredung? Dann muß es sich um eine handeln, die immer zu spät kommt. So ist die schwarze Kleidung, die das individualisierte Milieu hier noch aufträgt, in Paris schon seit einem halben Jahrhundert out. Der schwarze Sweater ist alles, was vom Existentialismus übrigblieb, und nur in Berlin kann man sich damit noch sehen lassen, wie denn auch die Wirkung Sartres in Deutschland tiefer reichte als in Frankreich. Der Grund dafür, so vermutet der Kellner, der gerade den Dienst übernommen und ein paar Gesprächsfetzen aufgeschnappt hat, liegt in Sartres Rezeption der Existenzphilosophie und der Phänomänologie, die ja beide in idyllischen Schwarzwaldlabors ausgebrütet worden sind.

Die ewige Dissertation

Unser Dichter beabsichtigt, sein nächstes Buch unter dem Namen "Hölderlenin" zu veröffentlichen, und bezeichnet sich als der "Link zwischen Hegel und Kalaschnikow". Er bestätigt damit die These des Kellners, der, während er uns noch einen "Kaffee" bringt, eine Linie "vom Expressionismus über den Nationalsozialismus zum Existentialismus" zieht. Gut gesprochen, Herr Ober! Der Dichter bestätigt dieses These schon in seiner Erscheinung. Auch er hat, wie scheinbar das gesamte Berliner Proletariat, einen akademischen Background: Dieser Doktor Caligari schreibt seit zwölf Jahren an seiner Dissertation. "Schreibe meine Diss" war seine erste Auskunft. Das kam kurz und knapp wie: "4. Regiment, 9. Kompanie". Er grimassiert stark beim Sprechen und könnte einem Stummfilm von F. W. Murnau entsprungen sein.

In Berlin gibt es viele Hunde, und der am meisten verbreitete Hund ist der Underdog. Die Stadt ist eine riesige Ansammlung leidender Egozentriker; arbeitsloser Akademiker und frustrierter Intellektueller, jener Humus, aus dem früher oder später die apokalyptischen Vorreiter einer allgemeinen politischen Radikalisierung auftauchen. Ihr Traum ist die Diktatur des intellektuellen Proletariats. So ist Berlin nicht zuletzt eine gefährliche Stadt, wenn auch Melancholie das einzige war, von dem wir bei unserem Besuch überfallen wurden.

Der Vorwurf der Östlichkeit

Diese Stadt ist ein düsteres Biotop, wie man es sonst nur aus Werken der literarischen und filmischen Fiktion kennt. Es ist ein Unterschied, ob man durch eine gewachsene Stadt streift oder durch eine Ansammlung zufällig zusammengeschobener Häuser, durch Alleen, die stalingradesk ins Nichts schießen. Der Kurfürstendamm ist ein Boulevard wie der Ring in Wien, nur daß er geradeaus läuft. Er zielt auf Paris, kommt aber dort nicht an; endet aber nicht erst vor Verdun, sondern schon in Halensee, jenem Stadtteil, den man vor lauter Straßen und Schienen gar nicht sieht und den die Berliner, wie wir schon bemerkten, auf der letzten Silbe betonen, als sei hier die Welt zu Ende.

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