https://www.faz.net/-gxh-rg93

Berlin : Det hammwa nich - Eine Polemik

  • -Aktualisiert am

Unterdessen taxiert uns unser Taxist durch den Rückspiegel. Er erkundigt sich nach unserem Herkommen und meint: "Für einen Franzosen sprechen Sie aber verdammt gut Deutsch." "Ich bin in Deutschland geboren." "Und wann sind Sie ausgewandert? "Ich bin gar nicht erst eingewandert." Er predigt unvermittelt: "Das Christentum funktioniert geistesgeschichtlich nicht mehr." Und, nach einer Pause: "Aus Gewissensgründen bin ich Atheist." Aus Rücksicht auf uns Ausländer ist er inzwischen zum Hochdeutschen übergegangen und verrät uns seinen Werdegang. Aus Gewissensgründen verweigerte er den Dienst an der Waffe, zog nach Berlin, bezog Bafög und nahm die lokale Sprache an. Aus Gewissensgründen studierte er Theologie und brach das Studium aus Gewissensgründen ab. Dann studierte er aus Gewissensgründen Philosophie. Zuvor heiratete er aus Gewissensgründen und ließ aus Gewissensgründen Frau und Kind sitzen. Nun lebt er mit einer Frau "vom Stamme der Sinti und Roma" zusammen, "ihr in Paris würdet sagen, Zigeuner". "Herzlich willkommen in Berlin", sagt er zuletzt noch und bemerkt: "Deutschland ist ein tolerantes, weltoffenes Land. Wir ham hier nich so 'ne Popelisten wie den Jörg Haider."

Von der Toleranz und Weltoffenheit der deutschen Hauptstadt konnten wir uns in den nächsten Tagen ein Bild machen. Wir trafen einen Poeten am Prenzlauer Berg in einem einschlägigen Kaffeehaus. Er versicherte uns, daß er in seiner Stadt täglich "authentische Erfahrungen von Zeitgenossenschaft" mache, daß er gewissermaßen das Kantsche "Itzt" umsonst bekomme, während wir in unserer antiquierten Heimatstadt noch in einem vergangenen Jahrhundert dümpeln. Tatsächlich macht der Berliner Dichter täglich die wertvolle Erfahrung, von zwei Taxichauffeuren, drei Buschauffeuren, vier Billetteuren in der Tram und fünf Hausbesorgern angeschnauzt zu werden. Er ist in der glücklichen Lage, sich vom Ober im Cafehaus duzen zu lassen, was ihm tiefe demokratische Genugtuung verschafft. Außerdem genießt er das Privileg, bei Rot nicht über die Straße gehen zu dürfen, will er nicht vom Mob gelyncht werden. Den ganzen Tag über sammelt er diese authentischen Erfahrungen von Zeitgenossenschaft. Und abends setzt er sich an den Schreibtisch und schreibt einen flammenden Aufruf gegen den Faschismus in Österreich.

Die Zähigkeit des Existentialistenschwarz

"Bitte eine Melange", bitten wir die Kellnerin. "Hammwa nich." "Sie müssen einfach nur Kaffee und Milch zusammenschütten und etwas Schlag obendrauf." "Schlag obendrauf? So etwas machen wir nicht", sagt sie mit einem Gesicht wie in einer Gefängniskantine. Wir bestellen einen "Kaffee" und versuchen unserem Poeten in seiner schlotternden schwarzen Jacke klarzumachen, daß etwa Österreich neben den steuerlichen auch einige zivilisatorische Annehmlichkeiten bietet, die in Bundesdeutschland unbekannt sind. So hat Wien etwa die meisten Frauen pro Einwohner, Berlin nur die meisten Polizisten. Im Ranking der lebenswertesten Städte kam vor ein paar Jahren Wien auf Platz zwei, nach Vancouver. Den letzten Platz nahm Sarajevo ein. Berlin stand gar nicht auf der Liste. Wir sind noch nicht auf dem Berliner Opernball gewesen, aber wir nehmen an, dort treten sich die Leute absichtlich auf die Füße.

Weitere Themen

Davon haben Männer keine Ahnung

Mami-Freundschaften : Davon haben Männer keine Ahnung

Wir sind alle Mamis, und dass wir für unsere Kinder kämpfen, verbindet uns mit einem unsichtbaren stählernen Band, von dem Männer überhaupt keine Ahnung haben. Eine Liebeserklärung an die Freundschaften zwischen Müttern um die 50.

Topmeldungen

Machtdemonstration: Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge fährt auf einer Autobahn auf der Krim. .

Russischer Aufmarsch : Die Ukraine ist von drei Seiten umstellt

Westliche Dienste sehen mit Unruhe, wie Moskau immer mehr Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt – auch über Belarus und das Schwarze Meer. Mit ihren Waffen sind die Russen schon jetzt überlegen.