https://www.faz.net/-gxh-x7dx

Bergbau in der Lausitz : Die Biber schuften, der Bergmann weint

  • -Aktualisiert am

Braunkohleabbau in der Lausitz: Erde abrasiert, Kohle weggehobelt Bild: picture-alliance/ ZB

Jahrzehntelang hat der Bergbau die Landschaft der Niederlausitz verwüstet. Doch die Wunden heilen, denn der Mensch lässt die Natur wieder machen, was sie will. Und sie macht es gut.

          Noch wenige hundert Meter zwischen Heidekraut und Birken, ein paar letzte Schritte hinaus aus dem lichten Wald - und jäh ist die vertraute Welt zu Ende: Direkt zu Füßen des Besuchers stürzt das Land sechzig Meter tief ab. Unten öffnet sich eine wüste Fläche in Silbergrau, Rostbraun und Grün; so mag es einst nach dem Rückgang der Gletscher ausgesehen haben. Da liegen, gesäumt von Streifen erster Gräser, Sandflecken, so unbewohnt wie der Mond.

          Dünen verleihen der Ebene ein wenig Struktur, in kleine Böschungen hat der Regen Rippen gespült, Lerchen zwitschern unsichtbar in der Luft. Zwischen Wasserlöchern wachsen Ginsterbüsche, erste Kiefern kommen auf, und darüber jagen die Schatten der Windräder, die den Horizont begrenzen. Die „Bergbaufolgelandschaft“ Klettwitz zeigt ein verstörendes Panorama, zumindest für das Auge, das nur Bekanntes als schön gelten lässt.

          „Ganz so einfach geht das nicht“

          Seit 1951 haben in diesem Gebiet nordöstlich von Lauchhammer riesenhafte Bagger und Förderbrücken die Erde abrasiert und die Braunkohle darunter weggehobelt. 1991 war damit Schluss. Jetzt wird die ausgeschabte Wanne zu einem gigantischen Sandkasten umgebaut, in dem die Natur künftig ungestört auftürmen, einreißen, glattschleifen, ansiedeln und aussterben lassen darf. Noch ist es nicht so weit. „Hier werden noch zweihunderttausend Kubikmeter Aushub abtransportiert, vierzehntausend Lastwagenfuhren, mit denen anderswo Löcher aufgefüllt werden“, sagt Stefan Röhrscheid.

          Der dreiundvierzigjährige Forstwirt aus Hessen ist Leiter des Projekts „Naturparadies Grünhaus“, eines fast zwanzig Quadratkilometer umfassenden Gebiets, das der Naturschutzbund Deutschland zwischen 2003 und 2006 aufkaufte. Zu steile Böschungen müssen abgeflacht, Seeufer durch Rütteln verdichtet und eventuell mit Schotter unterirdisch verstärkt werden. Dabei können die Naturschützer Einfluss auf die Neigung und die Ausformung der Ufer nehmen. Außerdem schütten sie Inseln auf und bauen Wege zurück. Vor 2020 wird die Sanierung kaum abgeschlossen sein. „Ganz so einfach geht das nicht mit den blühenden Landschaften“, sagt Röhrscheid, dessen „Naturparadies“ gerade einmal - oder immerhin - fünfzehn Prozent der Gesamtfläche umfasst, die der Tagebau Lauchhammer von Grund auf umgekrempelt hat.

          Die Glocken läuteten eine Stunde lang

          Der Abbau von Kohle prägt das Gesicht der Niederlausitz seit zweihundert Jahren, mit Gruben, Stollen und den weiträumigen Tagebauflächen. „Ich bin Bergmann. Wer ist mehr“, hieß es in der DDR. Aber auch: „Wer einen warmen Hintern haben will, muss in Kauf nehmen, dass ihm irgendwann der Boden darunter weggezogen wird.“ Man lebt seit achtzig Jahren auf dem Sprung, 136 Orte verschwanden ganz oder teilweise von der Landkarte.

          Dass das kleine Sallgast mit seinem hübschen Schlösschen in diesem Jahr sein achthundertjähriges Bestehen feiern kann, verdankt es der Geschichte, dem Zufall und ein paar beherzten Bürgern. Lange stand es auf der „Devastierungsliste“: Umsiedlung der Einwohner, Häuserabriss, Umbetten des Friedhofs, Abpumpen des Grundwassers - so wäre der letzte Akt üblicherweise abgelaufen. Doch 1989 verfassten Pfarrer und Gemeinderat gemeinsam eine Eingabe an den Ministerrat. Als am 28. Juni 1990 entschieden wurde, dass Sallgast bleibt, läuteten die Glocken eine Stunde lang. Doch in den vergangenen Jahren rückte der Ort abermals in den kohlehungrigen Blick des Vattenfall-Konzerns, der inzwischen den Abbau betreibt. „Erst im vorigen Jahr ist Sallgast von der Schippe gesprungen“, sagt Rainer Ernst, der Leiter des Kreismuseums Finsterwalde. „Vorerst zumindest einmal.“ Dafür traf es drei andere Gebiete mit mehreren Dörfern.

          Weitere Themen

          „Epochale Zerstörung“

          Waldsterben : „Epochale Zerstörung“

          Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt setzt sich weltweit für den Naturschutz ein. Die Waldbrände in Südamerika sorgen für Entsetzen. Aber auch in Deutschland ist die Lage ernst.

          Wo sollen all die  Bäume hin?

          Waldgipfel in Kiel : Wo sollen all die Bäume hin?

          Auch in Schleswig-Holstein macht man sich Sorgen um den Wald, wovon bisher allerdings kaum etwas zu sehen ist. Die CDU hat deshalb zu einem Gipfel geladen – und ausgerechnet den grünen Koalitionspartner verärgert.

          Topmeldungen

          Das war nichts: Gegen Arsenal ist die Eintracht um Filip Kostic unterlegen.

          Heimdebakel in Europa League : Am Ende fällt die Eintracht auseinander

          Achtbarer Auftritt, bitteres Resultat: Frankfurt erspielt sich beim Start in die Europa League Torchancen in Hülle und Fülle, muss sich aber dem FC Arsenal geschlagen geben. In der nächsten Partie wird ein wichtiger Spieler fehlen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.