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Bayern : Wir schalten jetzt um nach Pähl

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Der berühmteste Sohn der Gemeinde: Thomas Müller, der als Stürmer der Fußballnationalmannschaft in Südafrika für Furore sorgt - mit seinen Toren ebenso wie mit seiner Unbekümmertheit. Bild: AFP

Das Dorf Pähl im oberbayerischen Pfaffenwinkel wurde während der Fußball-Weltmeisterschaft berühmt als Heimat des deutschen Nachwuchsstars Thomas Müller. Seitdem fragt sich alle Welt, wie schön es dort sein muss, wo einer herkommt, der so nett ist wie Deutschlands sympathischster Fußballer.

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          Tiefrot sinkt die Sonne über den Ammersee. Das letzte Licht zeichnet glitzernde Kringel auf die Wasseroberfläche. Am Steg wippen vierzig Boote des Segelclubs Fischen e.V. im Rhythmus der Wellen. Auf den sonnenwarmen Holzplanken lagern Abendschwimmer und Ausflügler, sie genießen den Sonnenuntergang und ihre Sundownerhalbe. Ein Segelboot aus Utting legt gerade an - drüben am Westufer sieht man ja nichts. Schöner ist es jetzt am ganzen Ammersee nirgends als hier am Ufer des Pähler Ortsteils Aidenried. In der "Seegaststätte Aidenried", deren Terrasse direkt an den Strand mit dem Steg grenzt, ist an einem klaren Sommertag kaum ein Platz zu bekommen.

          In anderen Gegenden, etwa drüben am Starnberger See, am Mittelmeer, wahrscheinlich überall auf der Welt, vergoldet diese Abendsonne nicht nur das Wasser. Auf jeden Fall müsste man damit rechnen, dass ein solcher Ort Mitgliedern eines exklusiven Yachtclubs oder den Gästen eines teuren Restaurants vorbehalten bliebe. Seegaststätten-Wirt Benedikt Pentenrieder verkauft sein Schnitzel für 8,90, den Schweinsbraten für 9,20 und die Renke für 14,50 Euro. Allerdings kommen drei Gerichte selten gleichzeitig auf den Tisch. Unter Umständen wird auch mal eines vergessen und eine Stunde später nachgeliefert. Vielleicht hat auch der Kellner die Bestellung falsch verstanden, weil seine Deutschkenntnisse nicht ausreichen.

          Ein spektakulärer Sonnenuntergang

          Der Weg zur Terrasse führt an drei verbretterten Kühlcontainern vorbei. Zur Toilette finden auf Anhieb nur Stammgäste. Für Beni Pentenrieder ist das nicht weiter tragisch. "Das Urige, Unperfekte, Bodenständige": Das sei seine Philosophie. Früher war das hier ein Pfadfinderheim. Als kleiner Bub habe er dort schon gespielt und in den Ferien übernachtet. Vor neununddreißig Jahren hat er es übernommen und ein Lokal daraus gemacht. "Ich hab' an diesem Fleck mein Leben verbracht", sagt er. "Nächstes Jahr feiere ich vierzigjähriges Jubiläum, und ich will, dass jeder kommen kann und alles so bleibt, wie es ist."

          Bayerisches Idyll: der Badesteg vor der Seegaststätte Aidenried bei Pähl.
          Bayerisches Idyll: der Badesteg vor der Seegaststätte Aidenried bei Pähl. : Bild: Petra Putz

          Wenn der Sonnenuntergang nicht so spektakulär wäre, würde man eine Geschichte über Pähl eher am Morgen beginnen. Zum Beispiel in der Früh um halb sieben. Am Freitag nach Christi Himmelfahrt brechen die Pähler jedes Jahr um diese Uhrzeit zur Wallfahrt nach Andechs auf. Ich bin heute auch früh dran. Der Tag soll heiß werden, auf mich wartet zwar keine Messe, aber die Belohnung im Biergarten von Kloster Andechs. Etwa acht Kilometer lang schlängelt sich der Weg durch den Wald und das Hochmoor im Naturschutzgebiet der Endmoränenlandschaft des Andechser Höhenrückens. Vom Dorf stapfe ich zuerst bergauf Richtung Hochschloss. Ein neugotischer Bau, der privat bewohnt wird und höchstens in der einen oder anderen Folge der TV-Serie "Forsthaus Falkenau" auch von innen zu sehen ist. Rechts von mir liegen auf der Hochfläche die ehemaligen landwirtschaftlichen Nutzflächen der Schlossherren, die seit 1988 an den Golfclub Hohenpähl verpachtet sind. Links glitzert nach ein paar hundert Metern der Schlossweiher im Wald, wo die Pähler Kinder im Sommer schwimmen und im Winter Schlittschuhfahren lernen. Ich marschiere tapfer weiter, es ist ganz still, nichts ist zu hören außer dem Zwitschern der Vögel, dem Surren der Mücken und dem rhythmischen Patsch, wenn ich wieder eine zur Strecke gebracht habe. Für die Mountainbiker und Tourenradler, die mich überholen, ist die hügelige, abgeschiedene Strecke eine Genusstour. Ich hingegen bin schon sehr erleichtert, als sich der Wald endlich lichtet und die im Hof der Andechser Molkerei am weißblauen Fahnenmast gehisste Deutschlandfahne das nahe Ziel markiert. Auf dem riesigen Parkplatz des Klosters stehen schon Reisebusse. Im Bräustüberl umfängt mich sofort lärmende Geselligkeit. Und ich beschließe, den Weg das nächste Mal einfach andersherum zu gehen.

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