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Barpianist Simon Schott : Ein Hauch von Casablanca in München

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Simon Schott ist der älteste Barpianist Deutschlands Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Simon Schott spielt zwar nicht in Rick's Bar, dafür seit fünfundzwanzig Jahren in der Bar des Münchner Hotels „Vier Jahreszeiten“. Er kann, was viele Pianisten nicht können: spielen, ohne daß sich das Publikum ihm zuwendet, um das Spiel zu bewundern.

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          Vom matten Licht einer Stehlampe beleuchtet, sitzt an den schwarz-weißen Tasten ein Mann ganz in Schwarz, die weißen Haare mit dem Pferdeschwänzchen unter einem schwarzen Hut verborgen. „Ich bin im Schattenreich, nicht anwesend und doch da“, sagt Simon Schott, der Mann am Flügel. Er kann, was viele, auch gute Pianisten, nicht können: spielen, ohne daß sich das Publikum ihm zuwendet, um das Spiel zu bewundern.

          Seit fünfundzwanzig Jahren spielt Simon Schott in der Bar des Münchner Hotels Vier Jahreszeiten, täglich von 17 bis 20 Uhr. Auch an einem strahlenden Sonnentag ist es hier drinnen immer angenehm dunkel. Das Mobiliar ist fast schwarz, die Decke warm mattiert, die Paneele sind ebenholzartig. Vorbei am mattschwarzen Humidor mit den teuren Zigarren führt der Weg zum glänzend schwarzen Instrument.

          Nur die Musik ist im Raum

          Auf dem Flügel liegen Karteikarten mit den Texten der Songs, die er spielt. Er singt sie nicht. Er liest die Texte und umreißt die Geschichte, die das Lied erzählt. Ereignisse, Gedanken und Dialoge transponiert er in Akkorde, weiche oder harte Anschläge, Improvisationen. Es ist nur die Musik im Raum. Ihre Geschichten werden dem Zuhörer als Klangteppiche ausgebreitet. „Dann gerät der Zuhörer vielleicht in eine Art nostalgischer Stimmung“, wünscht sich Schott, „so daß er an früher denkt, wie schön es damals war. Genau das ist die Aufgabe eines Barpianisten.“

          Vor achtundachtzig Jahren wurde Simon Schott als Sohn eines bayerischen Dorflehrers geboren. In seiner Kindheit gab es keinen Fernseher, kaum Radios. Wer Musik hören wollte, mußte sie selbst machen. In fast jedem Haushalt seines Dorfs, erinnert sich Schott, gab es ein Klavier, eine Geige oder ein Akkordeon. Durch Klimpern hat man das Spielen gelernt. Viele, sagt Schott, haben so gelernt.

          Müde Augen, mildes Licht

          Als Oberschüler in München verdiente er Geld mit Gelegenheitsjobs, um auf dem Schwarzmarkt die geliebten Platten amerikanischer Jazzgrößen zu kaufen. Mit Leidenschaft hat er diese Musik geübt, gespielt, auswendig gelernt. Die Nazis, die diese Kunst als Urwaldmusik verachteten, waren naturgemäß seine Feinde.

          Die Leuchter mit den goldenen Rahmen in der Bar des Vier Jahreszeiten tauchen die müden Augen der Geschäftsleute in mildes Licht und verschatten die Falten in den Gesichtern nicht mehr ganz junger Touristinnen. Nur die Handytastaturen junger Unternehmer, die Einsamkeitsattacken bekommen, wenn zehn Minuten lang kein polyphones Klingelgeräusch aus ihren Telefonen tobt, leuchten grell. Der Pianist an seinen Tasten ist in seine Musik versunken. Hört er sie überhaupt? Er ist da und doch nicht da. Aber sein Spiel, so scheint es, sorgt dafür, daß sich die Anwesenden mit Rücksicht unterhalten, es kultiviert die Konversation.

          Es hat keinen Zweck mehr

          Im ersten Kriegsjahr wurde Simon Schott zu einer Fernmeldekompanie eingezogen, er kam in die Bretagne, lernte Frauen kennen. Er war der Mann am Klavier. Als Rechnungsführer war er viel unterwegs, um Gelder auszuzahlen. Die Widerstandsbewegung brauchte solch einen Reisenden. Aus den U-Boot-Häfen Nantes und La Rochelle bekam Schott die deutschsprachigen Flugblätter - „Soldaten, es hat keinen Zweck mehr“ - und verteilte sie in den Soldatenheimen in der Bretagne. Sinnlos, sagt er heute, das Risiko war hoch, und gebracht hat es nichts. Eines Abends kommt er zurück in seine Kaserne und wird gewarnt: Hau gleich ab, deine Flugblätter sind gefunden worden.

          Schott hat lebhafte Augen unter buschigen Brauen. Im Gespräch spielt er mit seiner Krawatte, mit dem Glasuntersetzer aus Papier, mit dem Bleistift einer Konferenzunterlage. Seine Finger sind immer in Bewegung, als eilten sie über die Tasten eines imaginierten Flügels. Er sitzt zusammengesunken. Sein Bäuchlein dient ihm als Stütze für den kränkelnden Rücken.

          Alle feiern die Befreiung

          Damals hatte Schott genug Sprit in seinem Motorrad. Er schafft es bis Paris. Er kriecht bei seiner Freundin unter, zerschneidet seine Uniform und spült sie in der Toilette weg. Dennoch faßt die Gestapo zu. Schott, der Deserteur, darf aber nicht an Ort und Stelle erschossen werden, weil die Akten zu seinem Fall bereits in Straßburg liegen. Es ist das Jahr 1944, auch die deutschen Behörden sind auf dem Rückzug. Schott wird zu seiner Akte nach Straßburg gefahren. Zusammen mit drei anderen Todeskandidaten springt er vom Lastwagen. Zwei werden gefaßt und erschossen. Zwei entkommen.

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