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Bahn : Die Renaissance des Speisewagens

Das Geschäft der Deutschen Bahn ist die Bewegung. Üblicherweise bewegt sie sich vorwärts, manchmal aber auch rückwärts, was in Ausnahmefällen von ihrer Kundschaft sogar wohlgeheißen wird. So ist es bei der Irrfahrt der Bahn mit ihren Speisewagen geschehen.

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          Das Geschäft der Deutschen Bahn ist die Bewegung. Üblicherweise bewegt sie sich vorwärts, manchmal aber auch rückwärts, was in Ausnahmefällen von ihrer Kundschaft sogar wohlgeheißen wird. So ist es bei der Irrfahrt der Bahn mit ihren Speisewagen geschehen. Vor knapp zwei Jahren noch sollten sie aus betriebswirtschaftlichen Gründen abgeschafft und durch Bistros oder Imbißwägelchen ersetzt werden. Das führte zu einem Proteststurm selbst solcher Passagiere, die nie ein Zugrestaurant betreten. Die Bahn zeigte Reue, gelobte Besserung, wechselte die Paradigmen, beförderte die Speisewagen vom Schmuddel- zum Lieblingskind, und jetzt kann der für das Essen auf Rädern zuständige Vorstand Robert Etmans gegenüber dieser Zeitung aus voller Überzeugung sagen: "Die Gastronomie im Zug ist ein Teil des Reisegenusses, sie gehört zur Emotionalität des Bahnerlebnisses."

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Ein Hauch von Luxus

          Das Schwärmen über die Renaissance des Speisewagens verbinden Etmans und Martin Brandenbusch, der oberste Servicechef im Personenverkehr, mit Selbstkritik. Bei den Abschaffungsplänen habe man die Restaurants schlecht geredet und nur auf die Auslastung und die Verluste geschaut, nicht aber deren psychologische und emotionale Bedeutung für die Kunden begriffen. Erst der massive Widerstand gegen das Verschwinden der Bordküchen habe dem Konzern die Augen geöffnet. Jetzt werden sogar die im Übereifer ohne Restaurant bestellten Waggons nachgerüstet, denn jetzt weiß die Bahn, daß ihre Speisewagen nicht nur eine Sättigungsstätte, sondern auch ein Symbol sind. Sie stehen für "einen Hauch von Luxus", wie Etmans sagt, sie seien eine Prise Nostalgie im nüchternen Bahnfahren und gäben auch den Passagieren, die nie essen gingen, ein Sicherheitsgefühl für den Fall der Fälle einer plötzlichen Hungerattacke. Außerdem hat man ihren Wert als Unterscheidungsmerkmal von den Billigfliegern und damit ihr Potential als Imageträger erkannt. "Das Frühstück im Zug mit vorbeifliegender Landschaft ist doch das Schönste, was es gibt", sagt Etmans. Jedenfalls ist es poetischer als der schnelle Kaffee an den schmuddeligen Automaten des Abflug-Gates.

          Eine weitere erstaunliche Erkenntnis für die Bahn ist die Tatsache, daß ihre Kunden nicht nur essen, sondern gut essen wollen. Sie wünschten Hochwertiges, Exklusives, schätzten die Vielfalt in der Küche, sagen Etmans und Brandenbusch. Deshalb holte die Bahn im vergangenen Jahr den Fernsehkoch Alfred Biolek und den Spitzenkoch Eckart Witzigmann in ihre Küche, "Leute, die einen Namen zu verlieren haben und zunächst Berührungsängste hatten", wie Brandenbusch einräumt. Biolek ließ sich sogar einen Passus in seinen Vertrag schreiben, nach dem er sofort hätte aussteigen können, wenn es mehr als fünf Beschwerden gegeben hätte.

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