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Ausstellung : Mythos Adlon

  • -Aktualisiert am

Bewacht vom Brandenburger Tor: 100 Jahre Mythos Adlon Bild: Christian Thiel

Es ist die Geschichte vom kleinen Mainzer Kunsttischler, der auszog, Berlin mit Weltstadtglanz zu erfüllen. 1907 gründete Lorenz Adlon ein Hotel am Brandenburger Tor. Eine Ausstellung soll die bewegte Geschichte des Adlons näher bringen.

          Was trieb diesen Lorenz Adlon aus dem Mainzer Bockshöfchen, einer Kleine-Leute-Adresse, diesen geschickten Kunsttischler, umsichtigen Weinhändler, erfolgreichen Restaurateur der Berliner Zooterrassen eigentlich um, seinen ganzen zusammengesparten Schatz, zwei Millionen Goldmark, in einen Wahnsinnstraum zu investieren?

          Zumal sich bald herausstellte, dass es mit zwei Millionen, einer horrenden Summe damals, nicht getan wäre beim Bau des großartigen Grandhotels am Pariser Platz, das ihm vorschwebte - an die zwanzig Millionen hatte am Ende der Prachtbau verschlungen. Lorenz Adlon, den seine Umgebung als Visionär, aber auch als besonnenen Mann aus dem Handwerkerstand wahrnahm, war damals kein junger Hüpfer mehr, sondern zweifach verwitwet und ging auf die sechzig zu.

          Wie konnte er sich als Aufsteiger aus der Provinz in ein Abenteuer wagen, das stets von einer prekären Finanzierung bedroht war, das bedeutende konservative Kreise in der Reichshauptstadt düpierte, nachdem er auf kaiserlichen Befehl die Genehmigung zum Abriß des Palais Redern, eines Schinkelbaus, erhielt? Denn genau an dieser Stelle sollte das Grandhotel erstehen, diese Symbiose aus futuristischem Komfort und gemütvoller Rückbesinnung ins achtzehnte Jahrhundert.

          Eine edle Adlon-Wärmflasche aus Meissner Porzellan

          Der Kaiser träumt von Weltstadtglanz

          Über die Rolle von Kaiser Wilhelm II. bei diesem Hauptstadttraum ist viel gerätselt worden. Klar scheint aber eines: Auch wenn der deutsche Monarch nicht direkt die Finanzierung stützte, so ist doch seine wohlgefällig schützende Hand beim Projekt Adlon offensichtlich. Und Wilfried Rogasch, der Kurator einer soeben im Adlon eröffneten Ausstellung zur hundertjährigen Geschichte des Hotels, vertritt sogar die Meinung, die Initialzündung gehe auf den Kaiser zurück, den Enkel Königin Victorias.

          Der nämlich, eifersüchtig auf seinen Onkel, Victorias Sohn Edward VII. und dessen Lieblingshotels in London und Paris, wollte endlich auch in seinem kargeren Berlin auf Augenhöhe im Weltstadtglanz mitbrillieren. Dass sich Wilhelm so für ein Hotel interessierte, markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Grandhotels: Erst in dieser Zeit, kurz vor dem ersten Weltkrieg, stiegen Hoheiten im Hotel so selbstverständlich ab wie vorher bei der Verwandtschaft im Schloss. Denn das Grandhotel verdankt seine Entstehung ja gerade nicht dem Adel, sondern seiner Rolle als Schloss des reichgewordenen Bürgertums, in dem sich jeder Gast als Fürst von Geblüt fühlen konnte.

          Diwan im Bad, Signallampen auf dem Flur

          Jedenfalls besichtigte Kaiser Wilhelm II. mitsamt Entourage das neobarocke Hotelschloss mit dem diskreten, kaum faustgroßen Messingschild „Adlon“ an der Tür einen Tag vor der Eröffnung, die er gleichfalls vornahm. Was Lorenz Adlon, ganz ohne Frage ein Mann mit Geschmack und Qualitätsbewußtsein, da auf der Bühne der aufstrebenden Metropole in Szene gesetzt hatte, begeisterte nicht nur das kaiserliche Auge aufs höchste: technische Neuerungen wie die rot (für Zimmermädchen), grün (für Diener) oder weiß (für Kellner) aufleuchtende Signallichtanlage in den Fluren anstelle des Klingelknopfs; üppige Bäder mit Diwan, in zwei Minuten war die Wanne gefüllt; eine raffinierte Kühlanlage zum Temperieren und Befeuchten des legendären Weinkellers, in dem, wie man munkelte, eine Viertel Million Flaschen feinster Weine lagerten. Die erwiesen sich später in Inflationszeiten als Goldwährung.

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