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Aussteiger in Portugal : Friede den Hütten

  • -Aktualisiert am

Einstmals einsam, heute vereinsamt: Talasnal, ein portugiesisches Schieferdorf in der Serra da Lousã Bild: Vera Ribeiro

Künstler und Aussteiger hauchen den verlassenen Schieferdörfern in der portugiesischen Serra da Lousã wieder Leben ein - sie haben die Gegend als Rückzugsort für sich entdeckt. Das finden nicht alle gut.

          Noch einmal kreist die Pfeife in der Runde. Pedros Augen werden schmal. Und auch die Frau in den zerschlissenen Jeans schaut aus glasigen Augen in die weite Tallandschaft, auf die tiefgrünen Pinienwälder, in den klaren Himmel und auf die weißen Windräder.

          Auf dem Dorfplatz von Vaquerinho versammeln sich ein paar Bergbewohner der Serra da Lousã. In der Platzmitte liegt in der Feuerstelle das unverbrannte Holz vergangener Nächte, vielleicht sogar Wochen, dazwischen Zigarettenstummel. Pedro holt auf Bitten der Gäste eine weitere Runde Bier aus seiner Bar „O Fim do Mundo“. Der Name passt, denn das Schieferdorf in der Serra da Lousã, nahe der gleichnamigen Stadt Lousã ungefähr dreißig Kilometer von der Universitätsstadt Coimbra entfernt, fühlt sich so an wie das Ende der Welt. Trotzdem, oder gerade deshalb, kommen einige Menschen hierher.

          Von Aussteigern, Anwälten, und Künstlern neu belebt

          Die alten, leerstehenden Bergdörfer Mittelportugals werden seit mehr als zehn Jahren von Aussteigern, aber auch von Anwälten, Händlern und Künstlern neu belebt. Die Einwohner Lousãs betrachten das Treiben mit einigem Argwohn. Anabela, die für die Stadt arbeitet, weiß von einer korpulenten blonden Frau zu berichten, die regelmäßig im Shoppingcenter kistenweise Bier einkauft, offensichtlich ein Alkoholproblem zu haben scheint und zudem keine Manieren besäße. „Aussätzige“ seien das da oben, so der Tenor in der Stadt. Natürlich nicht alle. Wir sollen Paulo besuchen gehen, wenn wir mehr über das Leben in den Schieferdörfern wissen wollen.

          Heute haben Künstler und Aussteiger das Dorf als Rückzugsort für sich entdeckt

          Paulo ist Mitte vierzig, groß, gut aussehend, aber mit traurigen dunklen Augen. Er war Fotograf in Lissabon. Als sein Vater die Hausruine in Talasnal kaufte, hat Paulo die Verantwortung und die Arbeit auf sich genommen, das Haus originalgetreu wieder aufzubauen. Aus Schieferplatten. Er blieb. Auch nachdem er das Haus mit einem Badezimmer und einer weiteren Ebene unter dem Dachboden versehen und mit dem Strom-, Gas- und Wassernetz verbunden hatte. Obgleich die meisten Häuser mit Subventionen der Stadt wieder in Stand gesetzt wurden, zieht es die neuen Besitzer, Ärzte und Anwälte aus Porto oder Lissabon, nicht oft auf den Berg.

          „Eine Stadt der geschiedenen Frauen“

          Trotz der Modernisierung sei das Leben schwer hier oben. Die Winter sind kalt, die Sommer unerträglich heiß, es gibt keine Einkaufsmöglichkeiten, und außer dem Miauen der Katzen und dem Rauschen der Pinien im Wind kein Unterhaltungsangebot. Dabei hat Paulo zwei Fernseher, einen Computer mit Internetzugang und ein Handy. Alles, was die Einwohner Lousãs auch haben. Doch mit denen da unten habe er wenig zu tun, außer mit Anabela und ihren Freunden. „Lousã“, sagt er, „ist eine Stadt der geschiedenen Frauen, die es sich nach der Scheidung nicht mehr leisten können, in Coimbra zu wohnen, eine typische Satellitenstadt mit Zuganbindung.“

          Paulo, der ein weiteres Haus kaufen und in Stand setzen möchte, um es an Touristen zu vermieten, hat einen Konkurrenten. Emídio, der ein kleines Café in Talasnal mit Gästehaus betreibt. Paulo kann Emídio nicht ausstehen, weil dieser sich nicht mit dem Leben in Talasnal auseinandersetze, sondern nur Profit aus dem pittoresken Ort schlagen wolle. Emídio, der in Coimbra lebt, wiederum beklagt sich, dass Paulo und auch die anderen Hausbesitzer in Talasnal ihn meiden würden.

          Zwist unter den Dörfern ist ideologisch geprägt

          Am Nachmittag fahren wir in Paulos gelbem Jeep der Marke UMM in die benachbarte Ortschaft Vaquerinho. Beim Anblick des dunkelgrünen Bergmassivs fällt es schwer, nicht dem Trübsinn zu verfallen. Von Lousã aus betrachtet, konnte man noch an eine romantisch verwunschene Berglandschaft glauben. Doch was in der Serra da Lousã vielleicht am unheimlichsten ist, ist die Natur der Menschen selbst. Damals, als der Besitzer eines Brunnen noch der mächtigste Mann im Dorf war, kam es nicht selten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Familien verfeindeter Dörfer. Als Folge dessen standen auch fast alle Dörfer über einige Dekaden leer. In einem portugiesischen Wanderrouten-Führer, der auch detailliert auf Flora und Fauna des Gebirges eingeht, heißt es: „Das Ende des Dorfes war so tragisch wie das seines letzten Bewohners: Er zog an einem Sonntag seinen besten Anzug an, rauchte seine letzte Zigarette und erhängte sich dann an dem Feigenbaum gegenüber des Dorfplatzes.“

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