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Ausgepackt : Kegelrobben in Plastiktüten

Kegelrobben in Plastiktüten mit rosa Mobiltelefonen Bild: Andrea Diener

Geht doch mal aus dem Bild! Warum Urlaubsfotos immer so entvölkert aussehen - und warum gerade das sie langweilig macht.

          4 Min.

          Als ich die Kiste mit den alten Reisedias meines Großonkels erbte, freute ich mich sehr darüber. Er war in den sechziger Jahren in Süditalien unterwegs gewesen, in Griechenland und im Vorderen Orient. Oft hat er mir eine Kleinigkeit mitgebracht. Was hatte er dort wohl gesehen? Ich nahm die Kiste entgegen, trug sie nach Hause, setzte mich an den Tisch und öffnete sie feierlich. Dia für Dia hielt ich gegen das Licht des wintertrüben Fensters. Und Dia für Dia wuchs meine Enttäuschung darüber, was mein Großonkel gesehen hatte, nämlich nichts als alte Steine, Säulen, Kapitelle, wild durcheinandergeworfen und von dürrem Gras umwuchert. Exakt dieselben Bilder, die in jedem Reiseführer dieser Zeit zu sehen waren.

          Meine Enttäuschung war vor allem eine Enttäuschung über das, was er nicht gesehen und nicht fotografiert hat: Touristen und Einheimische, Menschen im Hotel, Mitreisende, Geschäfte, Straßen, Esel, Händler, Märkte. All das muss es damals gegeben haben, er hätte sich nur einmal umdrehen müssen. Aber es hat ihn wohl einfach nicht interessiert, jedenfalls nicht so sehr wie Tempelruinen. Mich hingegen interessieren Tempelruinen nicht so sehr wie Menschen. Und das Interessanteste ist für mich immer das, was oberflächlich am alltäglichsten aussieht – besonders dann, wenn man es ein paar Jahre oder Jahrzehnte liegen lässt. Nichts ist spannender als die Profanität von gestern.

          Der beste Platz an der Promenade

          Es ist schon ein seltsames Phänomen, dass Reisende sich immer bemühen, ihre Urlaubsfotos möglichst menschenfrei zu halten, damit alles so aussieht, als seien sie allein auf der Welt – höchstens ein paar pittoreske Einheimische sind erlaubt, am besten möglichst betagt, der Authentizität wegen. Dabei schauen sich Menschen eigentlich nichts lieber an als andere Menschen. Im Café suchen sie den Platz ganz vorn mit dem besten Blick auf die Promenade, um Leute zu gucken. Doch vor der Kirche, die sie fotografieren wollen, darf niemand stehen. Oder höchstens die Familie, für ein Erinnerungsfoto. Dieses Erinnerungsfoto schaut man sich dann auch gerne an und reicht es weiter, während die menschenfreien Fotos in Diakisten und auf Festplatten verstauben.

          Oder sie bleiben in ihren Fototüten und werden gar nicht erst gerahmt. Dieses Schicksal erleiden Hunderte Alpenblumen in Nahaufnahme, die mein Vater als begeisterter Blümchenknipser vor fast vierzig Jahren mit nicht unerheblichem Aufwand am alpinen Wegesrand festhielt. Bis heute hat sie nie ein Mensch jemals gesehen. Ungefähr zwanzig Jahre lang hielt sich die von meinem Vater kolportierte Legende, die Birne im Diaprojektor sei defekt, dann dämmerte mir: Diese Bilder sind einfach nicht interessant genug, um sie jemandem zu zeigen. Sie entstanden vor allem, weil die Tätigkeit des Fotografierens meinem Vater Freude bereitete, und auch, weil er Alpenblumen mag – das Ergebnis ist dann eher egal. Die Fotos hingegen, die meine Mutter mit der billigen Kompaktknipse von uns, von der Landschaft, dem Café, dem Hotel, dem Hotelpersonal und überhaupt von allem um uns herum reichlich ambitionslos und technisch weit jenseits jeglicher Perfektion festhielt, erweisen sich als wahre Publikumsrenner. Diese verwackelten, verblitzten, horizontschiefen, unterbelichteten Fotos erzählen eine Familiengeschichte, und Familiengeschichten sind ja grundsätzlich interessant.

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