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Augsburgs anderes Grandhotel : Urlaub in Utopia

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Mit Kunst beschäftigen sich die meisten: Im Erdgeschoss verwandelt der Afghane Sayed Adi Bahrami ein Zimmer in eine Lehmhütte, und in der Mitarbeiterküche nebenan erzählt Makbula Afacan, die eigentlich ein Atelier hat, von ihrer täglichen Küchenarbeit. Als Gast ist es unmöglich, sich aus dieser charmanten Mischpoke herauszuhalten. Keine vierundzwanzig Stunden nach der Ankunft ist man mittendrin: Eine junge Frau lädt einen spontan ein, zu einer Podiumsdiskussion mit einer Femen-Aktivistin mitzukommen.

Soziale Skulptur

Da ist der IT-Student, der das Netzwerk programmiert, die junge Alleinerziehende und der Mittvierziger, der nach zwanzig Jahren Büroalltag einfach mal Lust auf etwas anderes hatte. Jeder von ihnen macht das, was er am besten kann. Sie alle trägt die Vorstellung, „dass etwas anders laufen muss“, wie es die Sprecherin Eva Pörnbacher zusammenfasst, und das nicht nur in der Flüchtlingspolitik.

Entscheidungen treffen immer die, die gerade da sind, die große Linie wird einmal die Woche im Plenum besprochen. Wer ein Beispiel für die vielzitierte These sucht, dass sich Menschen heute nicht weniger, aber lieber projektbezogen engagieren, hier wäre er. Einer der Hoteliers erzählt, dass er zwar einen „Nebenjob zum Leben“ habe, aber am liebsten dauernd hier wäre.

Bis alles fertig ist, gibt es noch einiges zu tun. Nachts rüttelt schon mal jemand an der Tür, der sich im Zimmer geirrt hat, weil das Licht nicht geht, und bis jetzt gibt es kein Frühstück und in den oberen Stockwerken noch keine warmen Duschen. Das Restaurant, in dem es ein günstiges regional-biologisches Tagesgericht geben soll, hat noch nicht geöffnet. Aber wo kann man schon in einer Mischung aus Abi-Party, Studenten-WG und Hotel gewordener Bar übernachten, in der alternative Weltentwürfe nicht nur diskutiert, sondern ausprobiert werden?

Es ist Abend im „Grandhotel“, die Schauspieler des Stadttheaters, die vorhin geprobt haben, stehen auf den Balkonen über dem Rosengarten. Sie singen die Gezi-Park-Hymne und feministische Lieder, kritisieren die NSA.

In Momenten wie diesen wäre es ein Leichtes, sich über Linke mit langen Haaren lustig zu machen, die von einer besseren Welt träumen. Das „Grandhotel“ zeigt, dass Augsburg den Titel „Kaff der guten Hoffnung“ verdient hat, den der im Hotel engagierte Künstler Reinhard Gammel der Fuggerstadt gegeben hat, die in ihrer über zweitausend Jahre alten Geschichte und - anders als München, wie der Augsburger sagen würde - noch nie Provinz war: Mit 270 000 Einwohnern, 18 000 Studenten und 40 Prozent Migranten ist hier Raum für Fragen, die weit über die Stadt hinaus relevant sind: „Wie wäre es, wenn Flüchtlinge normaler Bestandteil der Gesellschaft wären?“ zum Beispiel. Ein Hotel revolutioniert nicht die Gesellschaft. Aber es macht etwas mit seinen Besuchern. Man denkt nach, wie es wäre, selbst eine Heimat auf Zeit zu brauchen, und was man tun könnte, außer seine Unterschrift unter die Liste für die tschetschenische Familie zu setzen, die nach Polen abgeschoben werden soll. Und man nimmt statt Shampoo-Miniaturen Ideen mit nach Hause und ein wenig Optimismus, ganz dem Motto entsprechend, das auf dem Banner an den Hotelbalkonen prangt: „A lot of things are actually going pretty well.“

Der Weg nach Augsburg

Anreise Mit der Bahn zum Augsburger Hauptbahnhof, von dort sind es 20 Gehminuten zum Dom, Bus und Taxi sind schneller.

Übernachtung im „Grandhotel Cosmopolis“: Im Hostelzimmer im Stockbett oder in einem der von Künstlern gestalteten Designzimmer, Kosten jeweils nach eigenem Ermessen und finanziellem Spielraum. Buchung über die Website www.grandhotelcosmopolis.wordpress.com. Unweit des „Grandhotels“ liegt auch der „Augsburger Hof“, ein Romantikhotel mit guter Küche, Zimmer ab 80 Euro.

Weitere Attraktionen der Stadt sind die Fuggerei, die älteste Sozialsiedlung der Welt, wo ein Haus mit ursprünglicher Einrichtung besichtigt werden kann; der Perlachturm aus dem 10. Jahrhundert gleich neben dem Rathaus, von dessen Aussichtsplattform man einen herrlichen Blick über die Stadt hat, und die prachtvolle Synagoge mit dem Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben in der Halderstraße (weitere Infos unter www.augsburg-tourismus.de).

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