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Augsburgs anderes Grandhotel : Urlaub in Utopia

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Eines der fertigen Zimmer ist die „Grande Dame“, es liegt im fünften Stock, und als der Schlüssel gefunden ist, wartet hinter der lachsroten Tür eine Überraschung. Der Raum könnte in irgendeinem neueren Designhotel in Kopenhagen, Wien oder Berlin sein. „Betongrau“ hat die Künstlerin Esther Irina Pschibul über ein Bett mit goldenem Bezug geschrieben, daneben steht ein Sekretär aus den sechziger Jahren und ein Nierentisch. An der Wand hängt ein Bilderrahmen ohne Bild, neben dem Bett ein MP3-Anschluss für das mehrere Jahrzehnte alte Radio. Nur die vanillefarbenen Kacheln um das Waschbecken verraten, dass hier nicht immer eine Hipsterheimat war, sondern einst alte, pflegebedürftige Menschen auf die Altstadt Augsburgs schauten.

Der Weg vom Altenheim zum sozialen Hotel mit Kunstkonzept ist kein leichter. Selbst in einer so zivilisierten Stadt wie Augsburg, die eine geradezu historische Verpflichtung zum Altruismus hat: Nur wenige Gehminuten durch die Gassen der Altstadt entfernt liegt die Fuggerei, die älteste existierende Sozialsiedlung der Welt. Noch heute kostet die Jahreskaltmiete für eine Wohnung in dieser kleinen Stadt in der Stadt den nominellen Gegenwert eines Rheinischen Gulden, derzeit 88 Cent - und täglich drei Gebete für Jakob Fugger den Reichen und seine Familie, der 1521 die Anlage gestiftet hat. Allerdings dürfen nur unverschuldet in Not geratene Augsburger katholischer Konfession einen Antrag stellen - was das soziale Projekt auch 500 Jahre später noch nicht zu einem lupenreinen Zeugnis für Toleranz macht. Da gibt es erst seit 1650 etwas zu feiern in Augsburg, dafür aber nur hier und als Feiertag im Gesetz, immer am 8. August: das „Hohe Friedensfest“, mit dem die Augsburger Protestanten das 1648 durch den Westfälischen Frieden eingeleitete Ende ihrer Unterdrückung während des Dreißigjährigen Krieges begehen.

Älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt: Die Augsburger Fuggerei von 1521

Beim „Grandhotel“ waren vor allem die Nachbarn anfangs misstrauisch, bei den ersten Infoveranstaltungen waren fremdenfeindliche Äußerungen zu hören. Auch die staatlichen Einrichtungen standen dem Konzept „Alle unter einem Dach“ skeptisch gegenüber. Geändert hat sich das schrittweise, als die Diakonie im Herbst 2011 probeweise den Schlüssel übergab und sah, dass es funktionierte, als die Stadt 2012 den Umbau erlaubte, und zuletzt, als im Juli die Feuerwehr und das Bauamt das Gebäude abnickten.

Flüchtlingsalltag

Sie hätten kaum anders gekonnt, denn auf ihrem Weg hatten Georg Heber und seine Mitstreiter längst große und kleine Unterstützer gesammelt. Wenn sie jemanden brauchen, der ihnen einen Holzboden in eines der Zimmer legt, rufen sie einen Schreiner an, das Frühstück für die Arbeitenden schenkt ihnen eine örtliche Bäckerei. Der Bayerische Rundfunk hat dem „Grandhotel“ den „Miteinander-Preis“ verliehen, Bands geben hier Benefizkonzerte, und Politiker wie Claudia Roth zeigen sich auf der Baustelle.

Noch ist das Hotel eine sonderbare Mischung aus Baumarktprovisorium und Abenteuerspielplatz. Den Treppenaufgang schmückt ein gemaltes Pferd, im Seitengang steht eine Spielküche, im ersten Stock ein altes Trainingsfahrrad. Wenige Meter weiter eine gut sortierte Bibliothek. Die Kinder der ersten drei tschetschenischen Familien, die seit einer Woche im „Grandhotel“ wohnen, sausen durch das Treppenhaus, Mütter mit bunten Kopftüchern hinterher. An einer Tür hängt eine Bestellliste für Lebensmittellieferungen, und fast immer spielt jemand auf einem der vielen Klaviere im Haus. Was noch Baustelle ist, was fertig ist und was schon Kunst, ist selten eindeutig zu unterscheiden.

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