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Auf Verdis Spuren : Das allergrößte italienische Seelengenie

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„Als Großgrundbesitzer war er zugleich hart und fürsorglich“, sagt Giovanna Chiozza, eine weitere, beredte Jüngerin, vor Verdis fünf Kutschen im Schuppen. Er hatte 200 Leute angestellt, entließ auch schon mal Knall auf Fall den einen oder anderen seiner Arbeiter, baute ihnen aber auch im nahen Villanova ein Krankenhaus. Der frühe Tod seiner Schwester, seiner ersten Frau und seiner beiden Kinder hatten Verdi verschlossen und grüblerisch werden lassen. Als einfacher Landmann auf seinem Gut fühle er sich am wohlsten, behauptete er gern, fern allen Verpflichtungen in Wien, Paris oder London.

Keiner schläft bei Verdi

Die beiden Regionen Emilia Romagna und Lombardei sind Verdi-Land. Und je intensiver man sich einlässt auf das Phänomen Verdi, desto häufiger meint man, Verbindungen zwischen Architektur und Oper, Landschaft und Musik, Alltag und Kunst ziehen zu können. Zeigt der Palazzo della Pilotta in Mantua die arrogante Schroffheit der Macht, spiegelt das Teatro Farnese in Parma ihren Wunsch, auch gefallen zu wollen - Bausteine so mancher Oper. Das Baptisterium in Parma steht für das Erhabene und den Wunsch nach Entrückung. Die verfallenen Gehöfte dagegen, die zwischen Industriegürteln, endlosen Äckern und den Pappelwäldchen am Po immer wiederauftauchen, erinnern an das Erdenschwere, Bedächtige, auch Bauernschlaue in so manchem Musikschauspiel. Und am Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt in Cremona trifft man sie dann alle wieder, die man aus den Werken von Verdi zu kennen glaubt: den schrillen Schmeichler, die ätherische Witwe, den elegant gealterten Verführer mit Siegelring, den Geschichtenerzähler mit seiner Entourage aus drei bewundernden Damen - alle stehen sie für Gran-Padano-Käse und ausgebackenen Fisch an und vergessen dabei keinen Moment, dass sie auf einer Bühne agieren, der größten aller Bühnen, einer Bühne namens Italien.

Eine solche Bühne ist auch die Casa di Riposo dei Musicisti in Mailand. Sie liegt direkt an einem belebten Kreisverkehr. Heute ist Tag der offenen Tür, und die Mailänder stehen Schlange, um sich in dem Altersheim für ehemalige Musiker umzusehen. Am Ende des Hofes liegen Giuseppe und Giuseppina unter schweren Bronzeplatten, während über ihnen auf goldenen Mosaiken Jungfrauen Blumen streuen und Jünglinge das Medaillon des Meisters mit Lorbeer umkränzen - Heldenkult in Jugenstil.

In dem herrschaftlichen Gebäude leben heute gut versorgt 80 ehemalige Sängerinnen, Pianisten, Dirigenten und Komponisten, dazu 16 Musikstudenten mit Stipendium. Aus dem ersten Stock erklingt Klaviermusik. Im Salon mit den roten Samtstühlen spielt ein alter Herr im roten Pullover schwungvolle Kompositionen. Daneben empfängt, leicht gebückt, aber mit wachen Augen, Ludovico Ferri die Besucher. Mit seinen 97 Jahren ist der einstige Violinist einer der ältesten Bewohner des Hauses. Vergnügt kramt er im Gespräch die letzten Brocken seiner verrosteten Deutschkenntnisse zusammen, um dem Besucher aus Deutschland eine wichtige Botschaft mitzugeben: „Unser Verdi“ sagt er, „war der Meister des Kontrapunkts. Das ist große, stimmungsvolle Oper. Bei Ihrem Wagner dagegen“, lächelt er, und der Schalk blitzt aus seinen Augen, „bei Ihrem Wagner sind am Ende doch alle Zuhörer nur, wie sagt man noch mal - sie sind am Ende alle am Schnarchen.“

In der Heimat des Komponisten

Der Veranstalter Studiosus bietet im Rahmen einer neuntägigen Oberitalien-Reise Abstecher in Verdis Heimat an. Preise ab 2185 Euro. - Über das Verdi-Jubiläum informiert online www.giuseppeverdi.it, www.verdiduecento.com, www.arena-verona.de, www.operamuseo.parma.it, www.museogiuseppeverdi.it, www.villaverdi.org, www.museocasabarezzi.it, www.casa-verdi.org und www.salsamentaria-baratta.it.

Allgemeine Auskünfte unter www.emilioaromagnaturismo.it, www.bussetolive.com, www.turismo.mantova.it, www.turismocremona.it, www.turismo.comune.parma.it und www.italia.it.

Diese Reise wurde von Studiosus unterstützt.

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