https://www.faz.net/-gxh-78g7f

Auf Verdis Spuren : Das allergrößte italienische Seelengenie

  • -Aktualisiert am
Der Meister überall: Verdi-Devotionalien in Busetto

Heute nimmt ihm das niemand mehr übel. Längst hat man ihn fest umarmt. „Wir lieben ihn“, sagt Abele Concari, der grauhaarige Wirt der Bottega Storica e Verdiana Baratta in schöner Offenheit. „Wir lieben ihn für seine Musik. Aber nicht weniger dafür, dass er uns Touristen bringt.“ Der langgezogene Raum der Feinkostkneipe, angeblich Hunderte von Jahren alt, liegt im Halbdunkel. Von der Decke baumeln Sägen, Zaumzeug, Weinfässchen und Schweinsblasen. „Alles original“, schwört Abele, während er für den Ansturm am Abend verführerische Wurstplatten zusammenstellt. „An diesem Tischchen hat wahrscheinlich Verdi mit der Sängerin Teresa Stolz gesessen. Und da vorn steht sein erstes Klavier“ - an Verdi-Klavieren herrscht offenbar kein Mangel. Der Wein kommt in Schalen, wie im 19. Jahrhundert üblich, Besteck braucht für die Salami niemand, und die Nüsse zum Käse klopft man mit einem großen Holzhammer auf.

Er hatte 200 Angestellte und fünf Kutschen

Verdi, ein großer Freund alles Geräucherten, Gesottenen und Gebratenen, hätte die Berge von Culatello, Coppa, Lardo, Pancettato und Mortadella in der Auslage wahrscheinlich geliebt, all die Würste, den Speck und den Schinken, die die Schlachter der Emilia Romagna in so unvergleichlicher Qualität hinzuzaubern verstehen. Ob ihn freilich das Dauergeplärr seiner Werke aus den Lautsprechern ebenso erfreut hätte, ist fraglich. Doch was wiederum könnte einen Komponisten mehr ehren als ein Tisch fröhlicher Studenten, die plötzlich „La donna e mobile“ schmettern?

Als Verdi, vor allem durch „Nabucco“, reich und berühmt geworden war, kaufte er 1848 das Landgut Sant’Agata im nahen Villanova sull’Arda. An klaren Tagen reicht der Blick von der baumbestandenen Insel in der weiten Ebene bis zur Kette der Alpen im Norden, zur anderen Seite bis zum Apennin. Im Lauf der Jahre baute er das einfache Gehöft zu einer respektablen Villa um, die dazugehörigen 900 Hektar Äcker und Wiesen ließ er intensiv bewirtschaften. Der Park wurde mit exotischen Gehölzen, Marmorstatuen und einem verträumten See in ein romantisches Refugium verwandelt. Die Nachkommen von Verdis adoptierter Tochter Filomena Carrara leben heute noch hier, vier Räume aber sind für Besucher geöffnet. Die schweren, geschnitzten Möbel, die Büsten und das Himmelbett mit dunkelgrünem Samt verströmen eine Aura düsterer Feierlichkeit. Die Bücherregale zeigen, dass die skandalumwitterte Giuseppina Strepponi eine Frau mit breiten Interessen war, die vier Sprachen beherrschte. Ansonsten erinnert fast alles an den „Bär“, den Mann mit der eindrucksvollen Nase, dem Bart und den zerfurchten Zügen. Da sind die weißen Handschuhe, in denen er das Requiem für den Dichter Alessandro Manzoni dirigierte, neben einer Schreibtischgarnitur aus Malachit, Geschenk Zar Alexanders II. für die Uraufführung von „Die Macht des Schicksals“ in St. Petersburg. Es gibt eine Partitur von Wagners „Lohengrin“, die er mit Anmerkungen versah, das kostenlose Bahnticket Nr. 308, das ihm während seiner kurzen Zeit als Abgeordneter zustand, und im letzten Raum die Originaleinrichtung jenes Zimmers aus dem Grand Hotel et de Milan in Mailand, in dem er am 27. Januar 1901 starb.

Weitere Themen

Untergang einer antiken Stadt Video-Seite öffnen

In der Türkei : Untergang einer antiken Stadt

Hasankeyf in der Türkei ist 12.000 Jahre alt, doch jetzt muss die Stadt einem Stausee weichen. Viele Menschen trauern ihrer Heimat nach, aber mit dem steigenden Wasserspiegel verschwinden ihr Land und ihre Gärten.

Topmeldungen

Bernd Lucke, Wirtschaftswissenschaftler und AfD-Mitbegründer, verlässt nach seiner verhinderten Antrittsvorlesung den Hörsaal der Universität Hamburg.

Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

Ab 2020 : Klimaschutz führt zu neuen Regeln für Steuerpflichtige

Die Politik will das Klima schützen. Hausbesitzer bekommen daher bis zu 40.000 Euro für energetische Sanierungen, und die Pendlerpauschale steigt. Für kurze Flüge dagegen wird die Mehrwertsteuer teurer.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.