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Auf dem Marienweg : Vom Wandern und von Wundern

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Im Schildergewirr hilft nur der innere Kompass: Die Herrenalm im Hintergrund lädt zur Rast ein. Bild: Lerchenmüller und Wosnitza

Zwischen Spiritualität und Freizeitvergnügen: Auf dem Marienweg von Slowenien nach Mariazell bleibt dem Pilger nichts Menschliches fremd.

          Die erste Andacht beginnt um 6.45 Uhr, aber sie dauert glücklicherweise nur fünf Minuten. „Liebe Gäste, wir freuen uns, dass ihr es auf euch nehmt, den Weg nach Mariazell z’marschiern“, sagt der Stroßeggwirt Rudl Pretterhofer auf den Stufen seines Almgasthauses. „Wir möchten danke sagen für euern Besuch und wünschen euch, dass ihr gut einikemmt’s noch Zell. A alter Spruch heißt: Die Wallfahrt ist ein Gebet, was hauptsächlich mit de Fiaß gesprochen wird. Wann d’Fiaß, Wadl und de Geist mittuan, kemmt sicher jeder an das Ziel.“ Dann greift der Mann mit dem großen Herzen und den vielen Geschichten entschlossen in die Tasten seiner Quetsche und entlässt die Gäste in den heraufdämmernden Tag mit einer steirischen Melodie, die ihnen noch Stunden später durch den Kopf geistern wird.

          Der ist noch ein wenig schwer nach dem Abend an Rudls auf über 1165 Metern gelegener Theke. Grad a Gaudi war gewesen. Die wenigen Pilger hatten gefeiert, als wollten sie ein für allemal aufräumen mit dem Bild vom mürrisch vor sich hin trottenden Asketen, das manchmal von ihnen gezeichnet wird. Und die zwei jungen Frauen aus Graz hatten verraten, dass sie „auf Zell“ gingen, weil sie ihre Diplomprüfung bestanden hatten. Ihre beiden Freundinnen waren „nur zum Spaß“ dabei.

          Das Bedürfnis, aus dem Alltag auszubrechen

          Jetzt tagt es allmählich. Kreuze am Weg vermelden stolz, dass die Pfarre Fürstenfeld und die Pfarre Gnas jedes Jahr hier auf dem Marienpilgerweg wallfahren. Nach einer Stunde lässt die junge Pilgerführerin Lidija Vindis auf einer Lichtung haltmachen und liest ein paar besinnliche Sätze zum Thema „Aufbruch“ und dem „recht gelebten Morgen“ vor. Während ein Teil der Wanderer sozusagen geistig darauf herumkaut, lassen die anderen den Blick über die akkurat bearbeiteten, weit geschwungenen Wiesenteppiche schweifen, die schwarzgrünen Waldstreifen und die Ahornbäume: Großartig, wie die Natur ihre Schöpfung inszeniert. Kein Wunder, dass Maler den Mantel der Maria gern genau in diesem himmlischen Morgenblau pinseln und sie auf zartrosa Wolkenbändern schweben lassen, wie sie gerade den Horizont zieren. Und den Lichterkranz, mit dem sie die Gottesmutter häufig umgeben, gestalten sie ganz nach den sattgoldenen Strahlen, die jetzt zwischen den Fichten einfallen und die Welt zum Leuchten bringen.

          Perle am Marienweg: Im Freilichtmuseum in Kozianska domacija pflegen Imker ein traditionell bemaltes Bienenhaus.

          Wer diesen Weg geht, unternimmt etwas zugleich sehr Altes und doch ganz Zeitgemäßes. Gepilgert wurde und wird in allen Religionen. Das Bedürfnis, aus dem Alltag auszubrechen und sich für eine begrenzte Zeit ausschließlich seinem Gott oder seinen Göttern und der eigenen Beziehung zu ihm oder ihnen zu widmen, scheint universell. Im Christentum war Kaiserin Helena die Erste, die im vierten Jahrhundert nach Palästina reiste, um die Orte des Neuen Testaments zu finden. Im Mittelalter verbannte man Schwerverbrecher aus dem eigenen Gesichtskreis, indem man ihnen aufgab, sich zu Fuß nach Santiago, Jerusalem oder Rom zu begeben, um Verzeihung von ihren Sünden zu erflehen. Da war es wenig erstaunlich, dass der Ruf der Büßer nicht immer der beste war. In Slowenien hießen die Pilger zum heiligen Rochus nur „Zwetschgendiebe“ - sie trafen immer zur Zeit der Obsternte ein. In Regensburg knüpfte man Menschen in Pilgerkluft eine Zeitlang kurzerhand gleich auf.

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