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Atomium : Nicht modern, sondern der Zeit voraus

  • -Aktualisiert am

Weltausstellung im April 1958: Das Atomium in seinem Geburtsjahr Bild: picture-alliance/ dpa

Das Kosmos-Zeitalter hatte begonnen: Diese Botschaft propagierte die Weltausstellung 1958 in Brüssel mit Gebäuden aus Stahl, Glas und Beton. Zum Publikumsmagneten und neuen Wahrzeichen Brüssels wurde das von André Waterkeyn entworfene Atomium.

          Man muss sich das Jahr 1958 als ein glückliches, für Belgien im Speziellen als ein gesegnetes Jahr vorstellen. Mit vollen Ladenregalen, ersten Selbstbedienungsrestaurants und allgemeiner Motorisierung klang die Nachkriegszeit aus. Die Erinnerung an die Atombombe von Hiroshima war jung, doch der Glaube an die Beherrschbarkeit der Kernenergie größer als die Angst angesichts des atomaren Schreckens. Die Welt schaute nach vorn. Mit dem Sputnik hatte die Sowjetunion im Jahr zuvor den ersten künstlichen Erdsatelliten in die Umlaufbahn geschickt.

          Nun wartete alle Welt darauf, dass Amerika die Herausforderung aufnahm, und las in der Zwischenzeit Ian Flemings James-Bond-Romane. Die Amerikaner punkteten mit dem Farbfernseher, immerhin, und arbeiteten insgeheim an der Reise zum Mond. Der Kalte Krieg schien als Wettlauf im All und im Äther ausgetragen zu werden, und von April bis Oktober 1958 sogar zu pausieren: Belgien richtete mit der Exposition universelle in jenem Sommerhalbjahr die erste Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg aus.

          „Ihrer Zeit um zwanzig Jahre voraus“

          Zweiundfünfzig Nationen und sieben Organisationen, darunter die UN und die EWG, beteiligten sich mit einem Pavillon auf dem Weltausstellungsgelände im Brüsseler Heyselpark. Die Russen zeigten ihren Sputnik, klar doch. Am meisten los war bei den Amerikanern. Hotdog und Coca-Cola revolutionierten alteuropäische Essgewohnheiten. Nachmittags gab es im kreisrunden Saal unter der goldenen Rotunde Jazz-Konzerte. So viel Schwung war lange nicht mehr im alten Europa. Apropos Europa: Brüssel empfahl sich mit der Exposition universelle auch als künftige europäische Hauptstadt.

          Weltausstellung im April 1958: Das Atomium in seinem Geburtsjahr Bilderstrecke

          Bereits im Vorfeld der Schau bekam die belgische Kapitale mit dem Martini-Hochhaus, den Büroriegeln der Cité administrative, achtspurigen Ringstraßentunneln und Fly-overs ein radikal modernes Gesicht verordnet. Auf dem Thron des Landes saß mit Baudouin ein charismatischer König, der mit seinen achtundzwanzig Jahren die Jugend selbst verkörperte. Weltausstellungsgelände und königliche Residenz lagen in direkter Nachbarschaft. Besondere Sicherheitsabsperrungen wurden nicht errichtet - glückliches 1958.

          „Nicht modern, sondern ihrer Zeit um zwanzig Jahre voraus“ lautete die Vorgabe für die Ausstellungspavillons. Entsprechend kühn wogte das Dach des brasilianischen Pavillons von Sérgio Bernardes. Raketengleich zielte der von Le Corbusier für die Philippinen entworfene Bau in den Himmel. Programmatisch licht kam der Pavillon von Egon Eiermann für die Bundesrepublik Deutschland daher. Das Kosmos-Zeitalter, so die Botschaft der in Stahl, Glas, Beton propagierten Leichtigkeit, berechtigte zu den allerschönsten Hoffnungen.

          Eine Hymne auf den Fortschritt, ein Bau voller Optimismus

          Zum Publikumsmagnet der Weltausstellung und neuen Wahrzeichen Brüssels aber avancierte das von André Waterkeyn entworfene Atomium. Elegant schwebte das mit Aluminium überzogene, einhundertfünfundsechzigmilliardenfach vergrößerte Modell eines Eisenkristalls über dem Weltdorf auf Zeit. Achtzehn Monate plante der Ingenieur und Vorsitzende des Verbands der belgischen Metallindustrie am aus neun Kugeln mit je achtzehn Metern Durchmesser und zwanzig Verbindungsröhren zusammengefügten Atomium. Weitere achtzehn Monate vergingen mit der Errichtung des scheinbar schwerelosen, dabei zweitausendvierhundert Tonnen wiegenden Bauwerks. Waterkeyn träumte von einem Prestigeobjekt der belgischen Metallindustrie, das zugleich ein Symbol für die friedliche Nutzung der Kernenergie sein sollte. Heraus kam eine Hymne auf den Fortschritt, ein Bau voller Optimismus und mit hohem Identifikationspotential für alle Belgier. Kurzum, an einen Abriss nach Ende der Weltausstellung war im Oktober 1958 nicht mehr zu denken.

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