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Abruzzen : Das Glück des Safrans

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Drei Staubfäden enthält jeder Blütenkelch, aus hundertfünfzig Blüten wird ein Gramm. Bild: AFP

Wer im Herbst durch die Abruzzen wandert, erfreut sich an den lila Teppichen aus blühenden Krokussen. Die Ernte des Safrans ist aber eine wahre Knochenarbeit.

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          Navelli sieht von weitem malerisch aus. Hellgraue, würfelförmige Steinhäuser, die sich eng verschachtelt über einen Felssporn emporziehen: ein uraltes abruzzisches Bauerndorf. Eines wie viele in dieser rauhen, abgeschiedenen Gegend am Gran-Sasso-Massiv, das mit seinen etwa dreitausend Meter Höhe die eindrucksvollste Erhebung der Halbinsel südlich der Alpen bildet. Doch aus der Nähe wirkt die mittelalterliche Siedlung ausgestorben. Die fremden Wanderer beschleicht ein seltsames Gefühl, als sie die Via San Girolamo bis zum Gipfel des Felsens hinaufklettern, auf dem der trutzige Renaissance-Palast Santucci über dem Abgrund thront. Es ist ein grauer Nachmittag im Oktober, kein Mensch lässt sich auf der Straße blicken. Nur eine Katze begleitet uns auf dem Erkundungsgang. Während wir über die schiefgetretenen Steintreppen emporsteigen, streicht das magere Tier mit kläglichem Miauen um unsere Beine. Von der Durchgangsstraße auf der anderen Seite des Tals dringt Motorenlärm, rechts, vor einem baufälligen Haus, wirbelt der Wind Blätter auf. Da es ringsum gespenstisch still bleibt, erscheinen diese banalen Geräusche plötzlich merkwürdig laut. Eigentlich wollten wir hier nur eine Rast einlegen. Dass wir am nächsten Tag bei der Safran-Ernte mit dabei sein werden, ahnen wir in diesem Augenblick noch nicht.

          "Die meisten Dorfbewohner sind nach dem Zweiten Weltkrieg abgewandert", sagt Alfonso Papaoli. "Sie zogen in die Städte des Nordens, aber auch nach Amerika und Australien, denn von den Schafen und vom Safran, der unseren Ort einst berühmt gemacht hat, konnte hier keiner mehr leben." Alfonso Papaoli, ein gebräunter, kräftig gebauter Typ mit hellen Augen, ist jedoch zurückgekehrt. Er spricht uns an, als wir uns gerade nach einer Bleibe für die Nacht umschauen wollen. Ein paar Jahre lang, erzählt er uns, habe er in einem Zementwerk in Norditalien gearbeitet, aber glücklich gemacht hätte ihn das Leben fern der Heimat nicht. Oft habe er an den alten Hof der Eltern denken müssen, in dem die Großmutter mit Nachbarinnen Safranfäden auszupfte, als er noch ein kleiner Junge war. "Wäre ich nicht zurückgekommen, dann wäre der Hof heute sicherlich verwaist."

          Als hätte jemand über Nacht einen Teppich ausgebreitet

          Also übernahm Alfonso Papaoli gemeinsam mit seiner Schwester Elena das kleine Anwesen. Nach einer Phase des Herumexperimentierens mit dem Anbau von Linsen und Kirschen - für Oliven und Wein liegt der Ort zu hoch - konzentrieren sich die beiden Jungbauern nun ganz auf den Safrananbau. Ausgerechnet morgen soll die Ernte beginnen. Alfonso Papaoli steigt deshalb schnell in seinen Fiat Panda, er will noch zu ein paar Leuten fahren, die versprochen haben, zu helfen. Kommen Sie doch morgen auch auf's Feld!", ruft er noch und braust davon.

          Im Oktober blühen auf der Hochebene rund um Navelli die Krokusse. Für kurze Zeit verwandelt sich die sonst karge, im Winter schneebedeckte, im Sommer knochentrockene Gebirgslandschaft in eine Landschaft von verschwenderischer Fülle. Es ist, als hätte jemand über Nacht einen lilafarbenen Teppich über die zerfurchten Äcker ausgebreitet. Crocus sativus, so der lateinische Name, ist das teuerste Gewürz der Welt. Schon die Mesopotamier und Alten Ägypter wussten um die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten des Safrans, dessen Name sich aus dem arabischen Zaafran ableitet. Arabische Händler waren es auch, die während des Mittelalters im südlichen Europa für die Verbreitung des Knollengewächses aus der Familie der Schwertlilien sorgten. Ein Mönch aus dem Geschlecht der Santucci, so berichtet es jedenfalls die Chronik von Navelli, begann im dreizehnten Jahrhundert mit dem Safrananbau auf dem Altopiano di Navelli. Die steinigen Böden und das aride Klima bekamen der Gewürzpflanze äußerst gut, und bald schon war der Safran aus den Abruzzen bis weit über die Landesgrenzen hinaus begehrt. Jahrhundertelang bescherte er der abruzzischen Bergbevölkerung einen bescheidenen Wohlstand. Freilich war er die Frucht von harter körperlicher Arbeit.

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