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50 Jahre Lönneberga : Das Jubiläum hatte sich Michel ganz anders vorgestellt

Zwischen dem Tischlerschuppen und der freien Natur des Smalands gedeihen die besten Geschichten: Michel auf der Bühne von „Astrid Lindgrens Värld“ Bild: Astrid Lindgrens Värld

So frech und wild, wie alle sagten, war er gar nicht. Selbst mit fünfzig Jahren ist er kaum gealtert. Auf den Spuren von Michel aus Lönneberga durchs Småland.

          7 Min.

          Emil aus Lönneberga, den die deutschen Übersetzer Astrid Lindgrens in einen Michel verwandelten, weil sie eine Verwechslung mit Erich Kästners Emil vermeiden wollten, war eine Schreigeburt. Als Astrid Lindgren den Name an einem Sommertag vor einundfünfzig Jahren ausstieß, so hat sie es in ihren Lebenserinnerungen geschildert, sei das gleich mit voller Lautstärke geschehen - um einen anderen kleinen Jungen zu übertönen, der ebenfalls schrie, vor Wut, das war ihr Enkel. „Kannst du erraten, was Emil (Michel) aus Lönneberga einmal gemacht hat?“, herrschte sie ihn an - und der Junge verstummte auf der Stelle, natürlich wollte er das wissen, die Macht des Erzählens hatte schon Besitz von ihm ergriffen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Aus der spontanen Geschichte, die Astrid Lindgren ihm nun erzählte, wurde im darauffolgenden Jahr ein Buch, das auch wegen seiner Verfilmung in den siebziger Jahren heute fast jedes Kind kennt - selbst Bruce Springsteen eröffnete vor ein paar Jahren ein Konzert in Stockholm mit Idas Sommerlied. Viele der ersten Leser sind mit Michel inzwischen in die Jahre gekommen, denn die Figur ist gerade ein halbes Jahrhundert alt geworden. Und was macht man heute, wenn die eigenen Kinder hinten im Auto nach einer langen Fahrt über Kiel und mit der Nachtfähre nach Göteborg plötzlich auf dem Weg ins Småland unruhig werden, sich zu necken, zu balgen und schließlich anzuschreien beginnen? Man schreit sie ebenfalls ein bisschen an und verwöhnt sie sofort danach mit „Michel“ oder „Karlsson“ von einer Hörbuch-CD. Wobei man sich nach der Enkelsohnanekdote von Astrid Lindgren sogar noch einbilden kann, das sei echte skandinavische Pisa-Pädagogik.

          Der Klapptisch aus dem Ikea-Programm

          Hochgerüstet mit Lindgren-Büchern und -DVDs, sind wir zum Michel-Jubiläum auf dem Weg in die Heimat seiner Geschichten. Angetreten haben wir die Reise als Schweden-Neulinge mit der Vorstellung, es müsse sich eine Menge verändert haben seit Michels Kindheit, also in den vergangenen hundert Jahren. Das finden wir zumindest bei der Anreise aber nicht bestätigt. Massiv strotzt uns die Natur mit ihren unendlichen Wäldern aus innig verschlungenen Eichen, Kiefern und Birken entgegen. Und es überfällt einen regelrecht Dankbarkeit, wenn man auf der Autobahn 40 in Richtung Jönköping und Vimmerby ab und zu an einer Schneise im Wald mit Holzhaus, Hof und weißgetupftem Schwedenzaun vorbeifährt, wie er sich seit den Tagen des Katthult-Hofs nicht verändert hat. Die Michel-Geschichten heute im Småland neu zu verfilmen wäre nicht das geringste Problem.

          Im Gespräch mit Glatzen-Per in „Astrid Lindgrens Värld“

          Dabei ist die Zahl der historischen Holzhäuser, wie man sie auf unserer Anfahrtstrecke etwa in Eksjö noch sehen kann, in den vorigen Jahrzehnten durch Brände rapide zurückgegangen. Und in Eksjö hat sich die beeindruckende Altstadt mit ihren lauschigen Innenhöfen, die wie gemacht sind für die småländische Vorliebe für den Kaffeeklatsch, auch nur deshalb über die Jahrhunderte hinweg erhalten, weil einige reiche Gerber beschlossen hatten, nicht in die neuen Angeberhäuser am Rande der Kleinstadt zu ziehen.

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