https://www.faz.net/-gxh-x6fd

50 Jahre Interflug : Was von der DDR-Staatsfluggesellschaft blieb

  • -Aktualisiert am

Einfach so verscherbelt

Im September, zum 50. Geburtstag der Interflug, werden sie sich treffen, im Tierpark in Berlin-Friedrichsfelde. Sie werden sich an ihre goldenen Jahre erinnern und sich über die "kriminelle Liquidierung" ereifern. So tut es auch Flugkapitän a. D. Klaus Breiler, der "Das große Buch der Interflug" vorgelegt hat. "Wir wurden damals vom Himmel geholt, aber wir landeten erhobenen Hauptes. Denn wir hatten unser Handwerk gelernt. (. . .) Gleichwohl blieb bei allen Beteiligten ein fader Nachgeschmack zurück angesichts dessen, wie man uns und unsere Lebensleistung behandelte", schreibt er im Vorwort. Auf über zweihundert Seiten wird dann ordentlich an der Interflug-Legende gestrickt.

Zu den besten Taten zählt Breiler die Aktionen, als man mit den wenigen Flugzeugen gegen den Hunger in Afrika anflog, Dürre- und Hochwasseropfer versorgte und Afghanistan mit Schulbüchern versorgte. Die guten Menschen aus Schönefeld in ihren fliegenden Kisten waren es einfach nicht wert, abgewickelt zu werden. Breilers Vorwurf: Die Lufthansa habe die DDR-Staatsairline von der Treuhandanstalt verscherbeln lassen, um einen Konkurrenten auszuschalten. Ganz falsch ist das nicht, schließlich mühte sich der damalige Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau durch Aufkäufe in den neunziger Jahren darum, das Feld für den bedrängten Monopolisten gut zu bestellen. Das Bundeskartellamt wachte wie ein Luchs über Ruhnaus Einkäufe, im Falle Interflug aber hieß es: Sanierungsfall, "auf dem Inlandsmarkt nicht wettbewerbsfähig".

Es bleibt Schöneberg

So bleibt schließlich nur der alte "Leitflughafen" Berlin-Schönefeld von der Ära Interflug übrig. Er wird noch bestehen, wenn Tegel und Tempelhof schon längst vom Netz genommen sind. Der Flughafen Berlin-Brandenburg International wird kommen, irgendwann. Nichts erinnert mehr an die Jahre, als die DDR auch in Schönefeld bräunlich verspiegelte Fensterscheiben als Zeichen von Weltniveau einbauen ließ. Kein Gedanke mehr an die ungarischen Ikarus-Busse, mit denen West-Berliner Devisenbringer von Rudow nach Schönefeld gekarrt wurden, weil die Lufthansa Berlin ja nicht anfliegen durfte und die Interflug an ihrer Monopolstellung kräftig verdienen wollte. Und nirgendwo mehr Kinder, die mit großen Augen vor den Anzeigentafeln stehen, das Wort "Transitraum" vor sich hinmurmeln, das Flughafengebäude als prächtig empfinden, es nicht erwarten können, den Fensterplatz am Propeller zu belagern und später dann einen Aufsatz mit dem Thema "Mein schönstes Ferienerlebnis" schreiben werden. Eigentlich auch wieder schade.

Die DDR-Fluggesellschaft Interflug wurde im September 1958 gegründet. Flugziele waren vor allem sozialistische Länder, der Nahe Osten, Nordafrika, aber auch Skandinavien, Österreich und Belgien. Mit ihren Auslandsbüros spielte die Airline für die Außendarstellung der DDR-Führung eine bedeutende Rolle. Bis zu ihrer Auflösung 1991 erreichte die Interflug eine Flottenstärke von 39 Maschinen sowjetischer Bauart und drei Airbussen. Das Streckennetz hatte schon 1983 eine Ausdehnung von 122 000 Kilometern. „Heimatflughafen“ war Berlin-Schönefeld. Um Devisen einzunehmen, bot die Interflug einen Shuttle-Verkehr samt Billigtickets für West-Berliner an. Nach offiziellen Angaben wurden 1988 eine halbe Million West-Passagiere für D-Mark in Schönefeld abgefertigt und auch komfortabler behandelt.

Heiraten Die frühere Interflug-Passagiermaschine „Lady Agnes“, eine originale Iljuschin 62, steht heute auf dem Gollenberg in der Gemeinde Stölln im Kreis Havelland nordöstlich von Berlin. In ihrem Bauch beherbergt sie ein Standesamt, in dem kürzlich schon die 700. Ehe geschlossen wurde. Die spektakuläre Landung auf der Graspiste meisterte im Herbst 1989 der Pilot Heinz-Dieter Kallbach. In der Maschine befindet sich auch das Otto-Lilienthal-Museum. Weitere Informationen unter www.otto-lilienthal.de..

Weitere Themen

Topmeldungen

Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel.

Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.
Demonstranten und Anwohner vor einer Polizeistation am Mittwochabend

Plötzliche Disruption : „Ihr habt keine Heimat!“

Nie waren sich Hongkonger und Festlandchinesen ferner als in diesen Tagen. Schon deshalb ist mit Unterstützung nicht zu rechnen. Chronik einer Eskalation
Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.