https://www.faz.net/-gxh-x6fd

50 Jahre Interflug : Was von der DDR-Staatsfluggesellschaft blieb

  • -Aktualisiert am

Allenfalls nach Moskau

Die Interflug war ein kleiner Staat im Staate, man hielt sich für eine Bastion des Fortschritts und der Überlegenheit, glaubte zumindest am Himmel in einer Liga mit den anderen zu spielen. Davon kündete sogar die ihr gewidmete Fernsehserie "Treffpunkt Flughafen", mit der der MDR immer noch seine Zuschauer erfreut. Wer bei der Interflug aufstieg, das entschied nicht selten die Staatssicherheit. Linientreue durften in den Westen fliegen, Unzuverlässige, darunter Geschiedene, allenfalls nach Moskau, Warschau oder Budapest.

Genau genommen war die Interflug mit ihren über 8000 Beschäftigten sogar ein verlängerter Arm des Militärs und unterstand dem Nationalen Verteidigungsrat. Viele Piloten kamen als Reserveoffiziere von der NVA. Diese Eliteeinheit gab sich gern als unbekümmerte Weltenbummlergemeinde, wo der Rest doch in den Kulissen der Biederkeit am Boden blieb. So kam es auch nicht von ungefähr, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt bei seinem ersten DDR-Besuch im Dezember 1981 ausgerechnet von einer Stewardess der Interflug begrüßt wurde. Mit "einem Strauß bunter Herbstblumen", wie das "Neue Deutschland" vermerkte und dazu ein Foto der hübschen Kathrin Hentschel druckte. Natürlich war der Kanzler keineswegs mit einer Interflug-Maschine nach Ost-Berlin gekommen, sondern, wie es sich gehört, mit der Luftwaffe. Sechs Jahre später bekam dann aber die Interflug ihren großen Auftritt in der "Tagesschau": Honecker mit Sondermaschine in Bonn. Der rot-weiße Schriftzug über den deutsch-deutschen Köpfen.

Ein bisschen laut

Überhaupt bestimmte die Politik immer wieder das Schicksal der Interflug. Als in den achtziger Jahren die Flugzeuge sowjetischer Bauart immer mehr zu treibstoffverschlingenden Rostlauben wurden, die obendrein die Lärmschutzauflagen westlicher Länder nicht mehr erfüllten, rettete ausgerechnet wieder der bayerische Ministerpräsident und Hobbyflieger Franz Josef Strauß die DDR vor der drohenden Blamage.

Strauß, der sich ja gern selbst ans Steuer setzte, um zur Leipziger Messe zu fliegen, fädelte einen Deal ein. Da die Russen neue Modelle nicht liefern konnten, durfte die DDR drei Airbusse vom Typ A 310 kaufen. Auf den neuen Werbepostkarten machten sich die weißen, eleganten Flieger aus Toulouse besser als die vergammelten Iljuschins. Noch heute sind sie die Airbusse in Diensten der Flugbereitschaft der Luftwaffe, fliegen Bundespräsident, Kanzlerin und Minister zu Staatsbesuchen und produzieren angesichts ihrer Altersschwäche auch mal negative Schlagzeilen. Von wegen Air Force One.

Man schreibt das Jahr 1989, Lufthansa und Interflug kooperieren endlich miteinander, man fliegt von Leipzig nach Frankfurt und Düsseldorf, von Dresden nach Hamburg, doch eine innige Liebe wird es nicht mehr. Zwei Jahre später ist die Interflug Geschichte und die Lufthansa längst unter dem Sperrfeuer der Billigflieger. Doch das fliegende Personal aus Ostdeutschland gibt noch nicht auf. Mit fünf Maschinen vom Typ IL-18 und Fokker 100 gründen sie im November 1991 die Gesellschaft "BerLine", schaffen 108 Arbeitsplätze und wittern ein Geschäft im Hundert-Passagiere-Segment. Man will Charterflüge nach Griechenland, Spanien, Tunesien, Italien, Bulgarien und in die Türkei anbieten. Doch nur drei Jahre später ist die Interflug wieder am Ende. Schuld haben die bösen Banken aus dem Westen, die die Kredite sperren, vor allem aber eine ostdeutsche Zeitschrift, die "BerLine" als "Rote-Socken-Airline" bezeichnet.

Weitere Themen

Alexander von Humboldt in Amerika Video-Seite öffnen

Etappe 4 : Alexander von Humboldt in Amerika

Der Humboldtstrom entlang der Küste Perus ist ein riesiges Ökosystem. Mit seinem nährstoffreichen Wasser aus der Tiefe ist der von Humboldt entdeckte Meeresstrom lebenswichtig für Fische Doch heute stört ihn der Klimawandel. Die vierte Etappe.

Topmeldungen

Brände im Regenwald : Das ökologische Endspiel am Amazonas

Der Amazonas-Regenwald produziert gut ein Fünftel des Sauerstoffs, den wir atmen. Die andauernden Waldbrände und der Raubbau an ihm sind nicht nur eine ökologische Katastrophe – sondern auch eine humanitäre.
Zuletzt mehr Schatten: An der Wall Street standen die Aktienkurse zuletzt unter Druck.

Aktienrückkäufe : Stützpfeiler der Wall Street gerät ins Wanken

Amerikas Unternehmen kauften im zweiten Quartal weniger eigene Aktien. Angesichts des Handelskonflikts gilt das als weiteres Indiz für die Verunsicherung in den Vorstandsetagen. Bereiten sich die Unternehmen auf den Wirtschaftsabschwung vor?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.