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50 Jahre Interflug : Was von der DDR-Staatsfluggesellschaft blieb

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Das war schon immer so. Die Interflug entstand aus einer Niederlage. Weil es nach dem Krieg zwei Gesellschaften gab, die den Namen Deutsche Lufthansa für sich beanspruchten, der Westen aber schneller beim Patentamt war, wurde am 18. September 1958 die Interflug eingetragen. Von den Russen gesteuert, beobachtet und kontrolliert, stiegen fortan all die Tupolews, Iljuschins und Antonows in den geteilten Himmel, flogen gut verdienende Urlauber an die bulgarische Schwarzmeerküste, DDR-Sportler zu den Olympischen Spielen, Hilfsgüter in kommunistisch orientierte Entwicklungsländer, RAF-Terroristen in den Libanon und die regierenden Greise mit den steifen Hütchen in alle Welt.

Mit der Interflug wollte man Staat machen und im Zuge der diplomatischen Anerkennung Weltläufigkeit vorgaukeln. Nur, wohin sollte der Ostdeutsche eigentlich fliegen? Die wenigen Länder, die er ungehindert bereisen durfte, lagen fast alle um die Ecke und waren mit dem Auto oder der Bahn zu erreichen. Und obendrein waren vierhundert Ost-Mark, die man zum Beispiel für ein Ticket nach Bulgarien zu zahlen hatte, für viele mehr als ein halber Monatslohn.

Blaustrümpfe servierten Rotstern-Pralinen

Wer den Stewardessen in ihren dunkelblauen Kostümen, den melonenartigen Hüten und mit den kleinen schwarzen Rollkoffern, die immer so unglaublich blasiert auf den Ost-Berliner S-Bahnhöfen herumliefen, dann doch mal bis in die Maschine folgte, erlebte eine strenge Freundlichkeit. Mit rotem Seidenschal an der Schulter und blauen Handschuhen standen sie Spalier. Die Blaustrümpfe servierten sandige Rotstern-Pralinen in kleinen roten Kästchen, es gab auch Hausschuhe und Bordmagazine, vor allem aber zu jedem Start ein Bonbon. Der Kuba-Reisende, so heißt es, bekam obendrein noch einen kleinen Kulturbeutel, damit er die Insel der Revolutionäre sozialistisch frisch betrat.

Einigen aber war der dreckige Hals egal. Sie wollten nur noch raus. Im kanadischen Gander mussten die Maschinen aufgetankt werden, und nicht wenige nutzten den Tankstopp als Sprung in die neufundländische Freiheit. Das "Loch von Gander" wurde sprichwörtlich. In den kühnsten Phantasien malte man sich aus, wie sie wohl aussehen würde, die Tür in die andere Welt.

Eine biedere Angelegenheit

Wer also in den Genuss kam, in den roten Sitzen einer IL-18 oder IL-62 Platz zu nehmen, der lernte die DDR von ihrer Mackerseite kennen. Das geschah, wenn sich das kleine Land zu einer Weltmacht aufblies. Und wo konnte man das besser als über den Wolken. Wer dann doch nur die Tschechoslowakei überflog oder Rumänien, dem wurde durch das englische Flöten der Stewardessen zumindest suggeriert, es würden gleich die Anden unter den Füßen aufblitzen.

Nein, cool war die Interflug nicht, jedenfalls nicht so wie die polnische LOT, die durch die Entführungsfälle nach West-Berlin im Volksmund auch mit "Landet ooch Tempelhof" übersetzt wurde und zumindest mit diesen zweifelhaften Aktionen etwas vom Freiheitswillen der Eingemauerten in die weite Welt trug. Die Interflug war bieder. Sie taugt nicht mal für eine stylishe Reminiszenz. Es gibt in Berlin keine Lounge wie etwa die der PanAm, in der Budapester Straße, wo heute das Partyvolk nistet, keine edle Bar wie im Falle des alten Büros der tschechischen Fluggesellschaft CSA auf der Karl-Marx-Allee.

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