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Deutschland : Schwarz ist die Piste, schwarz ist die Nacht

  • -Aktualisiert am

Wenn die Lifte und Gondeln ihren Betrieb eingestellt haben, schlägt die Stunde der Nachtschwärmer im Schnee: Tourengeher im Classic-Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen. Bild: Benedikt Lechner

Keine Gefahr von Lawinen, dafür eine warme Mahlzeit auf dem Gipfel: Das Tourengehen auf Skipisten nach Liftschluss wird immer populärer. Doch es lauern auch tückische Gefahren.

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          Die Hütte ist rappelvoll. Obwohl die Seilbahn und die Lifte schon vor Stunden den Betrieb eingestellt haben und die Après-Ski-Haserl zurück in ihren Hotels beim Abendessen sitzen, fällt es kurz nach acht Uhr abends schwer, in der Drehmöser-9-Skihütte im Classic-Skigebiet von Garmisch-Partenkirchen noch einen Platz zu finden. Die Party ist schon in vollem Gang. Eine Gruppe hat es sich an einem lodernden Kaminfeuer gemütlich gemacht. Andere essen Pizza oder Knödel-Tris. Auf lautes After-Work-Feiern und alkoholdampfenden Après-Ski-Zauber hat aber niemand Lust. Die sechshundert Höhenmeter Aufstieg zur Hütte unweit der Bergstation der Hausbergbahn haben nicht nur Endorphine freigesetzt, sie haben auch müde gemacht.

          „Tourenabend“ nennt sich die Veranstaltung, bei der mehrere hundert Skitourenbegeisterte bei stockdunkler Nacht mit Skiern an den Füßen den Berg hinaufsteigen, um in einer Hütte eine Kleinigkeit zu essen, etwas zu trinken oder Freunde zu treffen. Anschließend fahren sie im Schein ihrer Stirnlampen die Piste hinunter. Im bayerischen Alpenraum gibt es kaum noch ein Skigebiet, das da nicht mitmacht. Auch in Österreich sind die Pistenskitouren ein Trend für das abendliche Workout. Immer mehr Menschen ziehen nach Feierabend los und nehmen dafür auch längere Anreisen in Kauf. In manchen Gegenden wie dem Tegernseer Tal regt sich sogar schon Widerstand gegen das nächtliche Treiben. Eine Agentur aus München hatte Anfang des Jahres einen Nacht-Skibus nach Kreuth angeboten, wo der Hirschberg im Schein der Stirnlampen bestiegen werden sollte. Weil der Aufschrei bei den Einheimischen im sowieso schon überlaufenen Tal zu groß war, wurde der Bus zum Sudelfeld umgelenkt.

          Auch Ski- und Bergsteigerschulen springen auf den Zug auf und bieten geführte Pistenskitouren an – wie die Skischule Garmisch-Partenkirchen, die unsere geführte Nachtskitour organisiert. Die Skilehrer Michi und Matthias warten schon mit fünf Frauen und Männern, die bis auf einen extra aus München angereist sind, als wir um 18 Uhr am Parkplatz der Hausbergbahn den Motor des Autos abstellen. Ein intensiver Arbeitstag steckt uns in den Knochen. Das Thermometer zeigt acht Grad unter null. Die Lust auf Schweiß und Anstrengung fällt auf den absoluten Nullpunkt. Da kommt es uns sehr gelegen, dass wir nicht sofort losmarschieren, sondern erst noch ein kleiner Theorieteil auf dem Programm steht. Es zeigte sich schnell: Wer Skitouren auf Pisten gehen will, muss nicht viel wissen. Im Prinzip braucht es dafür auch keinen Kursus. In wenigen Minuten beantwortet Skilehrer Matthias die wesentlichen Fragen: Was ist ein Steigfell, und wie befestige ich es für den Aufstieg am Ski? Wie funktioniert die Skibindung? Auf welche Länge stelle ich die Teleskop-Skistöcke ein? Und wie fest schließe ich die Skischuhe für den Aufstieg?

          In gewissem Sinne Geisterfahrer

          Eine Sicherheitsausrüstung, so lernen die Teilnehmer, brauchen sie auf der Piste nicht. Anders als im freien Gelände gibt es im Skigebiet nämlich keine Lawinen. Dafür sorgen die Seilbahnen, indem sie lawinengefährlichen Bergflanken mit Dynamit zusetzen. Pistentourengeher müssen deshalb nicht den Lawinenlagebericht lesen und verstehen können, sie brauchen keinen Lawinenairbag, um bei einem Abgang das Risiko einer Verschüttung zu minimieren, und sie müssen nicht mit Suchgerät, Sonde und Schaufel umgehen können, um im Notfall innerhalb weniger Minuten einen Verschütteten zu bergen. Neben der Schneegarantie auf beschneiten Pisten dürfte die fehlende Lawinengefahr einer der wichtigsten Gründe dafür sein, weshalb so viele Menschen heute ihre Skitouren auf Pisten machen.

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