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Nachsaison : Am grauen Strand, am grauen Meer

Zeigen, was eine Bake ist: Dort, wo sich hoch oben auf den Dünen die Holzgestelle aus Dreieck und Quadrat dem tiefhängenden Himmel entgegenstrecken, ist Juist zu Ende. Oder wenigstens fast. Bild: Freddy Langer

Juist ist schmal und lang, siebzehn Kilometer. Und so wird ein Spaziergang um die Insel herum zu einer ausgedehnten Wanderung zwischen Dünen, Wellen und Watt.

          9 Min.

          Drei Viertel der Wanderung lagen hinter mir, als ich die Bake sah, die zweite an diesem Tag. Und am liebsten wäre ich diesmal zu der Konstruktion aus Holz hinaufgeklettert, hätte einen weiten, schwarzen Mantel geöffnet und mich mit ausgestreckten Armen hoch oben auf der Düne rückwärts in den Sand fallen lassen und ein Bier bestellt, das so ist wie das Land, aus dem es stammt. Aber anders als der junge Mann in der Brauereireklame trug ich an diesem windigen Tag außerhalb der Saison keinen weiten, schwarzen Mantel, sondern einen enganliegenden, schwarzen Anorak. Außerdem ist es auf Juist verboten, die Dünen zu betreten. Man darf also gar nicht zu den Baken hinaufsteigen, die als Markierung für die Seefahrer nahe den beiden Inselenden errichtet worden sind. Wohl fünfzehn Kilometer stehen sie auseinander, aber ganz zu Ende ist die sehr lange, sehr schmale Insel dort jeweils noch nicht. Für einen weiteren Kilometer und vielleicht sogar anderthalb schiebt sich von den Baken aus der Sand immer flacher werdend ins Meer hinein. Wie eine Zunge, die das Salzwasser aufschlecken will, auf der einen Seite; als schmaler Pfad, der auf dem Wasser zu schweben scheint und dann langsam abwärts gleitet Richtung Meeresgrund, auf der anderen. Juist: Das ist kein Strich in der Landschaft - das ist ein Strich im Meer. Genau in der Mitte liegt der Ort.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          *

          Dieser Ort war leer gewesen, morgens um halb neun, außerhalb der Saison. Eine Angestellte des Fremdenverkehrsamts hatte in der Strandstraße ihr Fahrrad neben einem der Schaukästen abgestellt und war damit beschäftigt, die wenigen Hinweise auf das Kulturprogramm zu aktualisieren. Eine Kabarettveranstaltung fiel aus. Eine Lesung kam kurzfristig hinzu. Klack, hallte es über die Straße, als sie die Handzettel mit Magneten an der Metallwand befestigte. Dann schloss sie die Glastür, setzte sich auf ihr Rad und trat kräftig in die Pedale, um den Weg zum Strandcafé hinaufzukommen. Bei jeder Umdrehung raspelte der Arm der Pedale über den Kettenschutz. Sonst war es still. Nicht einmal die Möwen schrien, sondern saßen nur gelangweilt gegenüber dem Fischladen. Sie warteten auf Kunden, die mit einem Brötchen in der Hand auf die Straße kämen. Dann würden sie sich vom Wind ein wenig in die Höhe tragen lassen, um gleich darauf im Sturzflug über den armen Gast herzufallen, ihm den Hering aus dem Brötchen zu ziehen und mit einem kräftigen Flügelschlag davonzufliegen. Mir war es tags zuvor selbst so ergangen.

          Die Läden waren noch geschlossen. Nicht einmal in der Straße, die zum Supermarkt abbog, waren Passanten zu sehen. Vielleicht waren die paar wenigen Feriengäste um diese Jahreszeit ja allesamt im Watt unterwegs. Dort jedenfalls war richtig was los, wie ich vom Deich aus erkennen konnte, nur einen Katzensprung vom Ortszentrum entfernt, dort, wo die Strandstraße den Namen wechselt und Bahnhofstraße heißt. Zwei Gruppen, die Menschen in der Ferne so klein wie Ameisen, folgten den Wattführern, ließen sich wohl gerade in die geheimnisvolle Fauna des Watts einführen und lernten zum Beispiel, dass es sich hier um den weltweit größten zusammenhängenden amphibischen Lebensraum handele. Aber vielleicht erzählte ihnen Heino, einer der Wattführer auf Juist, auch von der Wanderung, die er einmal zum Festland unternommen haben will. Es wird ein rechtes Gegluckse und Geschmatze unter seinen Gummistiefeln gewesen sein, bei jedem Schritt in den Schlick und wieder heraus, bei diesem Wettlauf mit der Tide. Weit ist es nicht hinüber nach Norden, der Hafenstadt, von wo aus die Fähre zur Insel kommt. Aber der Weg ist tückisch mit all den Prielen. Und mit der Flut, die nicht in Wogen vom Meer her angespült wird, sondern fast unmerklich aus dem sandigen, matschigen Boden heraufsteigt.

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