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Nachruf auf Ara Güler : Aber zuerst kommt der Mensch!

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Ara Gülers Istanbul: Waren andere wohl in gleichem Maße für die Schönheit der Stadt empfänglich? Bild: Ara Güler

Über fünfzig Jahre dokumentierte er das Leben der Stadt, besonders der kleinen Leute und Hinterhöfe: Mit Ara Güler hat Istanbul seinen größten Fotografen verloren.

          Mitte Oktober starb im Alter von neunzig Jahren Ara Güler, der große Fotograf Istanbuls. 1949, drei Jahre vor meiner Geburt, schoss Güler die ersten Bilder der Stadt, und da wir lange im selben Viertel lebten, darf ich behaupten, Ara Gülers Istanbul sei mein Istanbul. Über mehr als fünfzig Jahre hinweg fotografierte Güler unsere Stadt beharrlich weiter, und ich verfolgte über seine Bilder aufmerksam mit, wie sich Istanbul entwickelte und wandelte.

          Zum ersten Mal aufgefallen ist mir Gülers Name durch seine Fotos in Hayat, einer in den sechziger Jahren von meinem Onkel nach dem Vorbild von Life herausgegebenen Wochenzeitschrift, die in erster Linie durch Fotos und Klatschgeschichten von sich reden machte. Güler gelangte danach durch Porträtfotos türkischer Schriftsteller sowie internationaler Künstler wie Picasso und Dali zu einigem Ruhm, und als er 1994 die ersten Aufnahmen von mir machte, freute ich mich, nunmehr als „anerkannter Autor“ zu gelten.

          Bilder aus Gassen und Hinterhöfen

          Angefreundet habe ich mich mit Güler neun Jahre später, als ich 2003 begann, für mein Buch Istanbul in Gülers 900.000 Bilder umfassendem Fotoarchiv Nachforschungen zu betreiben. Güler hatte das dreistöckige Haus in Galatasaray von seinem Vater, einem armenischen Apotheker, übernommen und es zu Atelier, Büro und Archiv umgestaltet. Obwohl Güler Armenier war, kamen wir bei unseren ersten Begegnungen nie auf das Thema zu sprechen, das in der Türkei als Tabu gilt, nämlich die Vernichtung der osmanischen Armenier während und nach dem Ersten Weltkrieg. Mir war, als würde eine Erwähnung dieser furchtbaren Ereignisse unsere Beziehung belasten, während Güler als Profifotograf wusste, dass ihm Einlassungen dazu das Leben in der Türkei erheblich erschweren konnten.

          Das Glatte interessierte ihn ohnehin nie. Alle Abbildungen sind dem Band „Istanbul – Erinnerungen und Bilder aus einer Stadt“ entnommen, erschienen im Hanser Verlag.

          Für mein Buch wollte ich nicht auf die allzu bekannten Fotos von Güler zurückgreifen, sondern war auf der Suche nach Bildern aus Gassen und Hinterhöfen, die eher zu der Schwarzweißatmosphäre meiner Kindheit und der besonderen Melancholie passten, von der ich zu erzählen gedachte. Dabei wurde ich mehr als fündig, denn mit glatten, sterilen Aufnahmen von Istanbul hatte Güler es ohnehin nicht, und da er erkannte, wie sehr mich seine Art des Fotografierens interessierte, durfte ich bald schon in seinem Archiv auf eigene Faust weitersuchen.

          Wie klein und zerbrechlich die Menschen aussehen

          So bekam ich zum ersten Mal Bilder von jenem „unbekannten Istanbul“ zu Gesicht, das Ara Güler zu Beginn der fünfziger Jahre porträtierte, als er in Zeitungsreportagen zu Themen wie „Die Stadt erwacht“ oder „Obdachlose abends im Kaffeehaus“ fotografierte. Gülers Verbundenheit mit der Stadt drückte sich stets dadurch aus, wie fein er die „kleinen Leute“ beobachtete, seien dies nun Fischer, die in Kaffeehäusern ihre Netze flicken, Arbeitslose, die im Alkohol Vergessen suchen, Kinder, die vor der halbverfallenen Stadtmauer Reifen flicken, Straßenkehrer, Lastenträger, Bauarbeiter, Gerber, schwer schuftende Lehrlinge, Schienenarbeiter, Bootsführer, die Passagiere über das Goldene Horn rudern, Straßenverkäufer mit Handwagen voller Obst, Menschen, die im Morgengrauen auf die Öffnung der Galata-Brücke warten, oder Fahrer von Sammeltaxis im ersten Morgenlicht.

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