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June 4th Museum : Der Kampf für die Wahrheit ist mühsam

  • -Aktualisiert am

Kein Erbarmen: Die „Göttin der Demokratie“ wird am 9. September von einem Polizisten abtransportiert. Bild: AP

Wohl kaum ein Museum steht derart unter Beschuss durch die Obrigkeit wie das „June 4th Museum“ in Hongkong. Gerade wurde es wieder durchsucht. Erinnerungen an einen Besuch.

          4 Min.

          Das Museum in Hongkong passt gut in unsere Zeit. Die Ära von Fake News, schamloser Machtpolitik, dreister Lügen und alternativer Fakten, ungesühnter Verbrechen. Und dem Widerstand dagegen. Ein Kampf gegen Windmühlen – und doch wird er geführt, überall. Zehn Jahre lang bemühten sich Richard Tsoi und seine NGO Hong Kong Alliance darum, das Museum aufzubauen. Ende April 2019 hatten sie es endlich geschafft, gerade noch rechtzeitig zum dreißigsten Jahrestag.

          Das Museum des 4. Juni erinnert an das wohl dunkelste Kapitel der jüngeren Geschichte der Volksrepublik China. In der Nacht des 4. Juni 1989 schoss das Regime auf Hunderte, wenn nicht Tausende friedlicher Demonstranten für die Demokratisierung des kommunistischen Systems. Das geschah auf Pekings Ti­ananmen-Platz, dem „Platz des Himmlischen Friedens“. Es war die Zeit der so­wjetischen Perestroika. Auch die Jugend Chinas wollte Freiheit, Studenten waren die treibende Kraft der Proteste. Die Kommunistische Partei sah ihre Felle davonschwimmen und schlug brutal zurück. Weltweit sind die Ereignisse als „Tiananmen-Massaker“ bekannt.

          In Festlandchina wird es totgeschwiegen, als habe es nie stattgefunden. In Hongkong wurde seiner jedes Jahr mit einer Mahnwache gedacht, zu der sich bis zu 200.000 Menschen im Victoria Park versammelten, seit zwei Jahren sind sie verboten. Auch hierfür war die 1989 zur Unterstützung der Proteste gegründete Hongkong-Allianz Initiator; und Richard Tsoi saß als Politiker der Democratic Party im Stadtparlament. Er war eine der Führungsfiguren der Pro-Demokratie-Bewegung Hongkongs. Doch vor wenigen Tagen hat sich die Alliance dem Druck der Behörden gebeugt und sich aufgelöst.

          Kunst ist die Antwort auf die Repression

          Hoch über die breite Mong Kok Road ragt in Kowloons Viertel Tsim Sha Tsui ein schmales, abgehalftertes Gebäude auf. An der Fassade kleben uralte Klimaanlagen. Besucher müssen sich beim Pförtner, der nur Chinesisch spricht, registrieren. Dann geht es im Fahrstuhl hoch in den zehnten Stock. Erst hier, gegenüber auf der weißen Wand, fällt das große Schild ins Auge: „Museum des 4. Juni“ steht da auf Kantonesisch und Englisch. Durch eine schmale Tür betritt man einen etwa 130 Quadratmeter großen Raum und wird von einer Frau Ende fünfzig mit freundlichem Lächeln begrüßt.

          Die Devotionalien eines Protests: Dank der Demokratiebewegung kennt die ganze Welt die gelben Regenschirne.
          Die Devotionalien eines Protests: Dank der Demokratiebewegung kennt die ganze Welt die gelben Regenschirne. : Bild: Sven Weniger

          Ocean Fong ist eine von zwei Mitarbeitern. Sie stellt Besuchern das enge rechteckige Areal vor. An den Wänden hängen großflächige Fotos, Poster und Zeitungsausschnitte. Neben der Eingangstür befindet sich eine der während der aktuellen Hongkong-Proteste berühmt gewordenen Lennon Walls, auf denen Nachrichten ausgetauscht werden und der Repression des Staates künstlerisch entgegengetreten wird. Es gibt mit Bildern beklebte Raumteiler, Tische und Regale voller Bücher, zwei Glasvitrinen, einige Stuhlreihen vor einem Videomonitor. Wie ein besserer Hobbyraum sieht es hier aus, unspektakulär. Dass von vielen Seiten jahrelang versucht wurde, diesen Ort zu verhindern, wie Richard Tsoi erklären wird, ist kaum zu glauben. Hier komme es nicht auf hübsche Präsentation an, sagt Frau Fong, es gehe darum, alle Informationen unterzubringen, derer man habhaft werden konnte. Sie geht an den Wänden entlang, erklärt in Kantonesisch verfasste Presseberichte, zeigt Bilder von Opfern. In einer Vitrine fällt ein von einer Kugel durchschlagener Helm auf, der von einem der getöteten Demons­tranten getragen wurde.

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