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Motivsuche (2) : Auftanken in Los Angeles

Aufmerksamkeit für Amerikas Straßenränder: Stephen Shores „Beverly Boulevard and La Brea Avenue“, 1975. Bild: Stephen Shore

Vierzig Jahre ist es her, dass Stephen Shore die Kreuzung von Beverly und La Brea fotografierte. Seither hat sich dort erstaunlich wenig verändert.

          5 Min.

          Ein Buch machte den Fotografen Stephen Shore gleichsam über Nacht berühmt. Es hieß „Uncommon Places“, doch es waren keineswegs ungewöhnliche Orte, die er dafür aufgenommen hatte. Ungewöhnlich war vielmehr, dass sich ihnen ein Künstler mit solcher Leidenschaft widmete. Mit der Großbildkamera auf dem Beifahrersitz, das Stativ stets in Griffweite, war Shore dafür in den siebziger Jahren durch die Vereinigten Staaten gereist und hatte Parkplätze vor Supermärkten fotografiert, Telefonzellen am Wegesrand, Straßenkreuzungen in großen Städten und halb zerfallene Häuser in kleinen Ortschaften, leere Swimmingpools in den Höfen von Motels und geschlossene Autokinos. Es waren stille Bilder, deren präzise Abbildung und strenge Komposition dem Alltag alles Lebendige entrissen und deren leuchtende Farben zugleich noch die unscheinbarste Szenerie mit einem Zauber überzogen, wie man ihn sonst nur aus Träumen kennt. Mit den Aufnahmen legte Stephen Shore eine bisher übersehene Schönheit des Banalen frei und veränderte für immer den Blick auf Amerikas Straßenrand.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Zu den bekanntesten Bildern des Bands gehört die Straßenkreuzung von Beverly Boulevard und La Brea Avenue. Shore meinte dort, mit den Tankstellen, dem Durcheinander der Werbetafeln und der Weite des Raums die Quintessenz von Los Angeles gefunden zu haben, und er verwob all dies in einer klassischen Anmutung so miteinander, dass Ordnung ins verschachtelte Chaos kam. Die Aufnahme entstand am 21. Juni 1975. Längst zählt sie zu den Ikonen der amerikanischen Fotografie.

          Die Benzinpreise haben sich versiebenfacht

          Wer die Kreuzung von Beverly und La Brea heute besucht, hat das Foto sofort vor Augen. Und wer die Unterschiede zwischen Bild und aktueller Wirklichkeit finden möchte, muss sehr genau hinschauen. Statt vier Tankstellen gibt es nur noch zwei. Dort, wo der Bürgersteig bei Shore breit und leer war, steht jetzt die Sitzbank einer Bushaltestelle. Und ein Lampenpfosten wurde um ein paar Meter verrückt. Etwas später stellt man vielleicht noch fest, dass sich die Benzinpreise in der Zwischenzeit versiebenfacht haben und die Tankstelle nur noch Chevron heißt und nicht mehr Chevron Standard. Ansonsten scheint der Wind der Zeit in den vergangenen vierzig Jahren diese Ecke der Stadt kaum je gestreift zu haben. Selbst die große Werbetafel, auf der bei Stephen Shore Mc Donald’s seine Hamburger anpreist, steht noch immer an derselben Stelle. Jetzt lädt von dort aus der DJ Nicky Romero in den Club des Hotels Caesar’s Palace in Las Vegas ein.

          Viel hat sich nicht verändert: Die Kreuzung von La Brea Avenue und Beverly Boulevard, Sommer 2015.

          Ja, sagt Leonel, der Manager der Tankstelle, der am frühen Morgen gerade damit beschäftig ist, einen Fußabstreifer auszuschütteln, ja, es seien schon Menschen gekommen, die ihn auf das Foto angesprochen haben. Zwei, um genau zu sein, sagt er, und hält einen Moment inne, als müsse er nachrechnen, bevor er mit seinem schweren mexikanischen Zungenschlag hinzufügt: einer vor acht Jahren, der andere vor zehn. Dann greift er zu einem Besen und kehrt den Sand rund um die Tischchen vor dem Kassenhäuschen auf.

          Thermoskannen mit fünferlei Sorten Kaffee

          Oder vor dem Laden, wenn man so will. „Food Mart“ hängt etwas hochtrabend ein Schild über der Tür. Innen stehen ein paar Regale in Reihe, aufgefüllt bis zum Überquellen mit Süßigkeiten: Bonbons, Plätzchen und ohne Ende Schokoladenriegel, in allen Farben und in solcher Masse, dass man sich gut vorstellen kann, wie Andreas Gursky hier drinnen seine Kamera aufbaut. Auf einer Theke stehen Thermoskannen mit fünferlei Sorten Kaffee. Ich fülle mir einen Pappbecher und schnappe mir zwei Packungen „Grandma’s Cookies“ zu je neunundneunzig Cent. Als ich beim Bezahlen die junge Frau an der Kasse auf Stephen Shore anspreche, schüttelt sie zunächst den Kopf. Aber dann grinst sie und zieht unter der Theke den eingerahmten Ausriss einer Rezension hervor. Die „Los Angeles Times“ hatte die Besprechung einer Ausstellung mit Fotografien von Shore mit dem Bild der Tankstelle illustriert. Wann der Artikel erschienen ist, lässt sich nicht erkennen.

          Als ich mich draußen an eines der Tischchen setzen will, hat dort mittlerweile ein Grüppchen mexikanischer Putzleute Platz genommen. Vielleicht kommen sie gerade von der Arbeit, vielleicht sind sie auf dem Weg dorthin. Sie nicken nur freundlich, als ich auf den einzigen leeren Stuhl deute, und unterhalten sich angeregt weiter. Das einzige Wort, das ich verstehe, ist „trabajo“. Es fällt unentwegt. Über ihren Köpfen informiert im Fenster des Kassenhäuschens eine Leuchtanzeige über die aktuellen Höchstgewinne diverser Lotterien. Bei Fantasy 5 geht es momentan um sechsundsiebzigtausend Dollar, bei Powerball Calottery um hundertzehn Millionen.

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