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Montreal : So long, Leonard

  • -Aktualisiert am

Die Stadt und ihre Bilder: Montreal Bild: mauritius images / David Giral /

Seine melancholischen, warm-düsteren Songs prägten Generationen. In Montreal, wo er geboren wurde, scheint er vier Jahre nach seinem Tod präsenter als je zuvor: Eine Erinnerung an meinen Nachbarn Leonard Cohen.

          4 Min.

          Als ich Leonard Cohen zum ersten Mal traf, wusste ich nicht, dass er es ist. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich kannte nur seine Stimme. Ich hörte seine Musik sehr oft im Gebäude der Studentenvereinigung der McGill University in Montreal spielen, die Lieder, die ihn als Poeten unter den Singer-Songwritern berühmt gemacht hatten – „So long, Marianne“ und „Bird on a wire“, „Seems so long ago, Nancy“ und „Suzanne“, allesamt eindringliche Oden an Liebe, Schmerz, Einsamkeit und Sehnsucht, die die Phantasie zahlloser Menschen anregten. Cohens Songs hatten etwas zutiefst Berührendes und gleichzeitig Beunruhigendes. Wer sie hörte, verfiel sofort in eine nachdenkliche Stimmung und entwickelte eine leise, dann immer bohrendere Sehnsucht nach einem Leben, das noch keine F0rm angenommen hatte, aber im Nebel seiner hallenden Stimme erkennbar wurde.

          In diesen Tagen arbeitete ich abends immer bei Metropolitan News, einem Zeitschriftenladen an der Ecke von Peel Street und St. Catherine Street. Es war der einzige Ort in der Stadt, an dem man Zeitschriften oder Zeitungen aus allen Teilen der Welt finden konnte. Ich erinnere mich, dass ein gut gekleideter Herr hereinkam, um ein Exemplar der „New York Times“ zu kaufen. Er sah sehr vornehm aus und sprach elegant über etwas, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Nachdem er gegangen war, sah mich meine ältere und aufgeklärtere Mitarbeiterin, die neben mir an der Theke arbeitete, fragend und leicht enttäuscht an und sagte dann nach einer Pause, von der man nicht wusste, ob sie der Empörung oder dem Unglauben geschuldet war: „Du weißt nicht, wer das war, oder? Das war Leonard Cohen! Du solltest dich geehrt fühlen!“

          Der Spaziergänger vom Boulevard St. Laurent

          Ich fühlte mich geehrt. Aber das nächste Mal traf ich ihn erst viel später wieder, nicht in der Stadt Montreal, die uns verband, sondern in Los Angeles. Dort führte Cohen Mitte der neunziger Jahre das Leben eines buddhistischen Mönchs auf dem Mount Baldy. Als ich die Gelegenheit hatte, ihn für die Veröffentlichung seines Albums „Ten New Songs“ zu interviewen, trafen wir uns, und ich fragte ihn, welche Art von Weisheit er an der Seite seines Zen-Meisters Roshi suchte. Cohen antwortete: „Ich habe versucht zu lernen, wie man durch den Tag kommt.“ Nachdem Cohen einen Großteil seines Lebens unter starken Depressionen gelitten hatte, fand er während seines Aufenthalts im Kloster Ruhe, so dass er „nach dem Aufziehen der Wolken“ wieder vom Berg herunterkommen konnte. Sechs Jahre nach unserem Treffen sahen wir uns in Montreal wieder. Ich hatte eine Wohnung in Montreal gemietet, die nur wenige Blocks von Cohens bescheidenem Greystone-Haus im Mile End lag. Wie Cohen war ich in Montreal aufgewachsen, und es war ein reiner Zufall, der mich dazu brachte, sein Nachbar zu werden.

          Cohen war berühmt für seine Spaziergänge entlang des Boulevard St. Laurent, der Hauptstraße, die parallel zu St. Dominique verlief, einer engen Seitenstraße, die an meinem postmodernen Loft vorbeiführte und an seinem sehr einfachen, schmucklosen Haus, das er 1973 gekauft hatte. Dort lebte er jedes Jahr mehrere Monate, wenn er nicht auf Tour war oder Zeit in seinem Haus in Los Angeles verbrachte, das er sich mit seinen Kindern Lorca und Adam teilte.

          Sie vermissen ihn, nicht nur in Montreal: Leonard Cohen.
          Sie vermissen ihn, nicht nur in Montreal: Leonard Cohen. : Bild: Picture-Alliance

          So war es vielleicht unvermeidlich, dass ich ihn eines Tages wiedertraf. Zu meiner Überraschung erinnerte er sich an mich oder tat zumindest so. Er war in vielerlei Hinsicht ein Gentleman der alten Schule, freundlich, respektvoll und auf eine Weise schuldbewusst; an diesem kühlen Oktobernachmittag war er wahrscheinlich auf dem Weg zu Moishes Steakhaus – einem Restaurant, das vom gebildeten Bürgertum der Stadt frequentiert wird und insbesondere in der jüdischen Gemeinde von Montreal beliebt ist. Vielleicht wollte er auch zu Schwartz’s, dem sagenumwobenen Montreal Diner, das, wie wir in Montreal finden, die besten Sandwiches der Welt serviert. „Hallo Sir“, winkte ich ehrerbietig. „Hallo“, antwortete er und hob seinen Fedora-Hut. Seine Stimme war einladend und warm. Jeder war von seiner samtigen Stimme beeindruckt, die im Laufe der Jahre von den „mehreren zigtausend Zigaretten“ vertieft wurde, wie er gern scherzte, die er seit seiner Jugend geraucht hatte. Seine Stimme fügte den Worten, die oft eine orakelhafte Qualität hatten, eine Schwere hinzu. Cohen sprach in einem anmutigen und hypnotischen Bariton, der selbst gewöhnlichen Beobachtungen zusätzliche Autorität und Bedeutung verlieh. Es gab eine Weisheit in seinem Denken, eine Weltanschauung, die durch das Studium biblischer und jüdischer Texte verfeinert und dann durch die buddhistischen Prinzipien gefiltert wurde. „Ich glaube nicht, dass wir irgendetwas kontrollieren“, sagte Cohen einmal, als wir sprachen. „Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, kann ich nur sagen, dass ich nie eine Richtung gewählt habe, die ich eingeschlagen habe. Selbst wenn es Entscheidungen gab – in Wirklichkeit wurden mir diese Entscheidungen vorgeschlagen.“ Sosehr er auch an der grimmigeren Realität der Welt verzweifelt sein mag, so sehr war er dem Leben zugewandt. Er wirkte immer wie jemand, der nur kurz da ist und bald wieder davonzieht.

          Der Tee hatte in Wirklichkeit Orangenschalenstücke

          Er hatte ein paar Jahre auf der griechischen Insel Hydra gelebt, wo er mit Mitte zwanzig ein bescheidenes Haus gekauft hatte, und hatte den größten Teil des Jahrzehnts in einer Beziehung mit Marianne Ihlen verbracht, der Norwegerin, die er in dem Song „So long, Marianne“ verewigte. Auch für seinen anderen großen Hit „Suzanne“ gab es ein reales Vorbild – in Montreal. „Das Lied ,Suzanne‘ ist eigentlich Journalismus“, hatte Cohen mir erzählt. „Alles darin stimmt. Also, der Tee hatte in Wirklichkeit kleine Orangenschalenstücke. Aber ,Tea and oranges‘ klingt besser, nicht wahr? Sie lebte in Montreal in der Nähe des Wassers. Und sie nahm einen mit zu ihrem Platz in der Nähe des Flusses. Sie könnten die Boote vorbeifahren hören, und Sie könnten die Nacht neben ihr verbringen. All diese Dinge ... und ich berührte ihren perfekten Körper mit meinem Verstand – das stimmt auch, denn sie war mit einem Freund von mir verheiratet, und ich konnte sie mit nichts anderem berühren!“

          Meine Erinnerung an ihn beginnt mit seinem wohlwollenden Lächeln und mit seinen sarkastischen Kommentaren zum Zustand eines absurden Universums. Er starb vor vier Jahren, aber manchmal scheint es in den engen Straßen Montreals, als sei er, die Wärme seiner Stimme immer noch da. Montreal vermisst ihn wie einen guten Geist, der in all der Kälte und Absurdität Wärme versprach oder Trost über ihr Fehlen – oder wenigstens ein gesteigertes Bewusstsein für die flüchtigen Momente des Glücks und des Trosts, die niemals von Dauer zu sein schienen.

          Aus dem Englischen von Niklas Maak

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