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Montanas große Geisterstadt : Über jedem Haus baumelt schon die Abrissbirne

Jeder hat ein Geheimnis. Irgendwo. Aber manchmal dauert es, bis man davon erfährt. Sam Shepard in Butte an der Kreuzung von Wyoming und Park Street im Wenders-Film „Don’t come Knocking“. Bild: Wim Wenders, 2005

Es gab eine Zeit, da war in Amerikas Westen kein Ort größer, reicher und moderner als Butte. Überwältigend schön ist die Stadt bis heute. Aber es wohnen zu wenige Menschen dort. Die Geschichte eines Rückbaus.

          8 Min.

          Der frühe Morgen ist nicht die schlechteste Zeit, um durch die Innenstadt von Butte zu spazieren. Kein Mensch ist unterwegs, kaum ein Auto rollt durch die Straßen, wenn die Sonne über dem langgestreckten Höhenrücken der East Ridge aufgeht und mit ihrem ersten, blassen Schein die Häuser weniger anstrahlt als abtastet. Fast möchte man sagen: streichelt. Dann ist es, als ginge ein Lächeln über die alten Fassaden, wie sie da zunächst zart aufflammen und wie dann die Backsteine in Rot und Gelb und Ocker zu leuchten beginnen und sogar die verwitterten Werbebotschaften an den Wänden ihre alte Kraft wiederfinden. Die langen Schatten des Morgenlichts betonen die Eleganz der architektonischen Ornamente. Die Bögen aus Ziegeln, die sich über Fenster und Türen spannen, werden zu Gloriolen. Und die mäandernden Muster unter den Dachfirsten erwecken den Eindruck, die Maurer hätten bei ihrer Arbeit getanzt. An Stahlträgern blitzen kleine Rosetten auf. Zuckerbäckertürmchen schweben wie auf einer Wolke aus Licht. Ein wenig ist es, als legte die Stadt um diese frühe Uhrzeit ihr Make-up auf. Wie eine Diva vor ihrem Auftritt. Doch niemand kommt. Auch im Laufe des Vormittags bleiben die Straßen leer. Nur hin und wieder ein Passant. Nur dann und wann ein Auto. Und je höher die Sonne steigt, je greller ihr Licht wird, desto markanter treten Narben hervor. Hautunreinheiten, Falten, Altersflecken.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Kein Gespräch in Butte, in dem nicht über kurz oder lang die Vokabel „früher“ fiele. Sie ist das Zauberwort in jeder Unterhaltung. Denn jeder, den man trifft, scheint hier geboren zu sein. „There was a time“, sagen sie dann und zählen auf, was die Stadt einst ausgemacht hat. Dass Butte einmal größer war als San Francisco. Und dass Butte noch vor New York elektrisches Licht bekommen hat. Auch die ersten Telefonleitungen. Und dass die Stadt überhaupt einmal sehr reich gewesen ist.

          Rauschendes Leben rund um die Uhr

          Mehr als hunderttausend Menschen haben hier gelebt und rund um die Uhr gearbeitet. In Bergwerken und den Schmelzanlagen vor den Toren der Stadt, von manchen Wohnvierteln aus nur über die Straße. Drei Schichten lösten einander ab. Der Qualm über den Öfen gehörte ebenso zum Ort wie das ständige Grummeln und Grollen der mehr als siebzig Fördertürme, in denen die Männer in die Minen fuhren. Die Straßen waren voller Menschen, zu jeder Tageszeit. Es gibt historische Aufnahmen, da drängeln sich so viele Passanten auf den Gehwegen der Park Street, dass es aussieht wie an einer U-Bahn-Station in Tokio während der Rushhour. Und so begann man kurzerhand, die Bürgersteige des Stadtzentrums zu unterkellern, und öffnete Läden auch unter der Erde. Vielleicht die logische Konsequenz in einer Bergarbeiterstadt. Die Geschäfte, Lokale und Handwerksbetriebe machten nie zu. Denn in den Herbergen und Pensionen teilten sich jeweils drei Mann ein Bett. Einer schlief, einer war unter Tage, und der dritte war unterwegs, um Dinge zu erledigen - oder ein paar Biere zu trinken, wofür sich mehr als zweihundert Bars anboten. Butte war eine Stadt der Superlative.

          Nirgendwo auf der Welt wurden dem Boden mehr Schätze entrissen als hier, nirgendwo wurden schneller größere Vermögen gemacht. Und nirgendwo wurde das Geld schneller ausgegeben. Als 1916 die Loge der Elks für ihr jährliches Treffen Butte ausgewählt hatte, errichtete die Stadt zu ihrem Empfang über der Kreuzung von Broadway und Main Street einen zwanzig Meter hohen Hirsch, unter dessen Beinen der Verkehr ungestört in vier Richtungen weiterlief.

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