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Mit Gruppengefühl durch China : Wie viel Jü hui hält ein Deutscher aus?

Durch den kitschigen Torbogen über den roten Plüschteppich geht es zum ältesten Gebäude in Kaifeng - Baudenkmäler werden in China eher disneyesk inszeniert. Bild: Andrea Diener

Die Provinz Henan nimmt für sich in Anspruch, die Wiege der chinesischen Kultur zu sein. Ganz weit hergeholt ist das nicht: Zu Besuch in einer alten Kaiserstadt, einem Tai-Chi-Dorf, dem ursprünglichen Shaolin-Tempel und in ziemlich vielen Parks.

          Als es hieß, wir würden nun eine Schlucht in einem Naturschutzgebiet besichtigen, freuten wir uns ungemein. Wir hatten Bilder von romantischer Waldeinsamkeit im Kopf, also das, was ein Deutscher im Kopf hat, wenn es heißt, wir fahren in die Natur. Wir hatten die Natur und die Waldeinsamkeit auch bitter nötig, denn die vergangenen Tage waren von städtischem Gewimmel geprägt, und wenn es in China wimmelt, dann gleich sehr und sehr laut und auf eine für Deutsche ganz und gar ungewohnte Weise.

          Das Naturschutzgebiet rund um den Berg Yuntaishan hatte einen riesigen Parkplatz, von dem eine riesige Treppe abging, auf der man Militärparaden abhalten könnte und die an einem riesigen Bildschirm vorbeiführte, auf dem unablässig und musikuntermalt die Schönheiten des Naturschutzgebietes auf die Besucher einflimmerten. Die Treppe endete vor einer monströsen Halle, die sich nicht die geringste Mühe gab, sich auch nur ansatzweise in die Landschaft einzupassen, sondern sich selbstbewusst sozialistisch vor die dahinter befindliche Hügelkette klotzte. In der Halle waren schon einige Gruppen am Wimmeln, sie wurden von brüllenden, bewimpelten Guides in Zweierreihen aufgestellt, was die Gruppen bereitwillig mit sich geschehen ließen, und am Ausgang der Halle in Busse verfrachtet, die sie zu den besuchenswürdigen Zielen im Naturpark kutschierten.

          Über diesen sehr sauberen Parkplatz geht es nicht etwa zum Parteitagsgebäude, sondern in den Naturpark Yuntaishan.

          Deutsche, die in Landschaften hineinkontemplieren

          Nein, wir fanden unsere gute, deutsche Waldeinsamkeit nicht. Wir fanden das, was es in China überall gibt und was hier Jü hui heißt, auf Deutsch in etwa „Gruppengefühl“. Jü hui sorgte dafür, dass wir ebenfalls in einen Bus stiegen, wenn auch nicht in Zweierreihen. Jü hui machte, dass wir uns an den überdachten Raucherzonen mit WLan vorbei zum Eingang fahren ließen, denn laufen ist für Arme. Wir reihten uns in bester Jü-hui-Manier am Eingang zu der Schlucht hintereinander, die uns als sehenswert angekündigt wurde, dann fädelten wir uns auf dem Trampelpfad ein, der ein einziges Jü hui durch die Schlucht bildete. Es war ein tratschender, schwitzender, knipsender, fröhlicher, eislutschender, fächerwedelnder, das Hemd über den Bauch hochziehender Gänsemarsch, der sich am Gruppengefühl freute und die ganze sich um uns herum aufs spektakulärste auftürmende Landschaft, in die wir Deutsche ab und zu hineinkontemplierten, eher als dekorativen Hintergrund wahrnahm.

          Wer durch China reist, muss sich von so mancher Vorstellung verabschieden. Von der Vorstellung, wie ein Naturpark auszusehen hat und auf welche Weise er bewundert werden will, von der Vorstellung, wie Baudenkmäler zu präsentieren sind, und von der Vorstellung, stille Momente seien etwas grundsätzlich Erstrebenswertes. China hat vor allem zwei Eigenschaften: Es ist groß, und es ist voll. Alles ist monströs, aber komischerweise nie leer. Die Menschen ziehen in wuchtige, schwindelerregend hohe Trabantenstädte, die überall in erstaunlicher Geschwindigkeit dem Himmel entgegengezogen werden und nach zehn Jahren schon reichlich mitgenommen aussehen, sie leben dort auf nicht gerade viel Raum, sie kämpfen sich täglich durch diesen Albtraum von Verkehr und können rätselhafterweise nicht einmal in ihrer Freizeit genug von ihren Mitmenschen bekommen, während wir langsam, aber sicher dem Gruppenkoller anheimfallen.

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