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Mit Georg Büchner unterwegs : Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle

Attraktionen sind rar auf dem Weg von Gießen nach Offenbach Bild: Freddy Langer

Eine Nacht und einen halben Tag brauchte Georg Büchner im Jahr 1834 für die Strecke von Gießen nach Offenbach - quer durch die Wetterau. Aber es war ja kein Spaziergang. Es ging um Leben und Tod.

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          Ein Foto wäre schön gewesen. Ein Porträt als Begleiter. Festgehalten auf einer Daguerreotypie. Der Blick ernst, wegen der minutenlangen Belichtungszeit. Die Haltung steif, weil der Körper mit dem Stuhl verschraubt gewesen wäre, um jedes Wackeln zu verhindern. Und dennoch hinter all dem vielleicht ein Ausdruck von Genie und von Verwegenheit? Mit hoher Stirn, wirrem Haar und einem Zug von Wahn um die Augen herum. So könnte ich ihn mir vorstellen. Oder wäre uns auf diesem Foto auch nur das blasse, brave, kindliche Gesicht überliefert, das wir aus den Zeichnungen von August Hoffmann und Alexis Muston kennen? Mit dem zarten Bärtchen über dem schmalen Mund bei dem einen Künstler und dem melancholisch wirkenden Gesichtsausdruck bei beiden. Ein, zwei Jahre nur trennten Georg Büchner, der 1837 im Alter von dreiundzwanzig Jahren starb, von der Erfindung der Fotografie.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Steckbriefe gibt es. Er wurde ja wegen seiner „indicirten Theilnahme an staatsverrätherischen Handlungen“ polizeilich gesucht. Statt der Vorladung des Untersuchungsrichters zu folgen, war er im März 1835 nach Straßburg geflohen. Die am 16. Juni im „Frankfurter Journal“ veröffentlichte „Personal-Beschreibung“ beschränkt sich auf Alter (21 Jahre), Körpergröße (6 Schuh, 9 Zoll neuen Hessischen Maases) und jeweils ein Adjektiv zu allen Teilen des Gesichts - vom blonden Haar und der sehr gewölbten Stirn über die grauen Augen und die starke Nase bis zum kleinen Mund und dem runden Kinn. Die Gesichtsfarbe wird als frisch beschrieben, die Statur als kräftig und schlank. Besonderes Kennzeichen ist seine Kurzsichtigkeit.

          Flaneur im Gehrock

          Aber schon vorher hatte es einen Suchbefehl gegegeben. Anfang August des vorangegangenen Jahres, 1834, als sich Büchner Hals über Kopf auf den Weg gemacht hatte von Gießen nach Offenbach. Er habe, heißt es dort, einen „düsteren, nach der Erde gesenkten Blick“, und er gehe „etwas einseitig“. Als Kleidung werden ein runder schwarzer Hut vermutet und ein blautüchner Rock - sein Polenrock vermutlich. Die Beinkleider sind unbekannt, die Stiefel „gewöhnlich“.

          Und so lasse ich ihn nun neben mir hergehen, mit dem Zylinder auf dem Kopf, der ihm unter den Gießener Studenten zu einer gewisser Berühmtheit verholfen hatte, und mit diesem Schritt, den ich mir noch nicht so recht vorstellen kann, „etwas einseitig“. Hat er ein Bein nachgezogen? Eine Schulter nach vorne geschoben? So oder so, er war in Eile, damals, auf seinem Weg von Gießen nach Offenbach, siebzig Kilometer.

          Büchners Weg von Gießen nach Offenbach

          Eine Nacht und einen halben Tag hat er für die Strecke gebraucht. „Theils zu Fuß, theils fahrend mit Postillionen und sonstigem Gesindel“, schreibt er in einem Brief an die Eltern. Es ist kaum übertrieben, wenn man sagt, es sei um Leben und Tod gegangen. Das allerdings verschweigt er den Eltern; im Gegenteil. Den ungewöhnlichen Aufbruch zu Nachtzeiten erklärt er mit der „gewaltigen Hitze“ des Hochsommertags. „Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle unter hellem Sternenhimmel, an dessen fernstem Horizonte ein beständiges Blitzen leuchtete.“ Das ist fast romantisch und erinnert an eine Zeile des Gedichts „Die Nacht“, das er den Eltern wenige Jahre zuvor als Weihnachtsgeschenk geschrieben hatte.

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