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Reiseziel Berlin : Im Takt der Stadt

Der TXL verkehrt alle sechs Minuten von sechs bis 23 Uhr – und transportiert täglich zwanzig- bis dreißigtausend Gäste. Bild: Andreas Pein

Die Buslinie TXL vereint alles, was an Berlin so schön wie schrecklich ist. Sie bringt Touristen und Einheimische zusammen, vom Flughafen Tegel zum Alexanderplatz und zurück. Wenn nicht gerade Stau ist. Eine Hymne.

          Einmal saßen zwei ältere Damen im hinteren Teil des Busses nebeneinander. Die eine beugte sich vor und fragte, ob die nächste Station denn der Hauptbahnhof sei? „Thank you, my dear“, sagte sie dann und seufzte, ihr Englisch klang warm und träge wie der amerikanische Süden.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Ich steige auch am Hauptbahnhof aus, ich nehme Sie dann einfach mit“, sagte da die Dame auf dem Platz neben ihr, und deren Englisch wiederum klang wie aus einem Film von Aki Kaurismäki. „Woher sind Sie denn?“, fragte die Amerikanerin. „Aus Finnland“, sagte die Finnin, und dann unterhielten die beiden sich darüber, dass die Amerikanerin aus Texas sei und zum ersten Mal in ihrem Leben in Europa, und dass sie am Hauptbahnhof in einen Zug nach Polen steigen würde, um dort ihre Verwandtschaft zu besuchen, und dann fragte die Texanerin, woher genau denn in Finnland die Finnin sei, und die Finnin nannte den Namen ihrer kleinen Stadt, hoch im Norden, und der klang wiederum wie ein Filmtitel von Aki Kaurismäki im Original. Die Texanerin fragte, ob das denn schon in der Tundra liege, die Finnin verneinte, und dann schwiegen die beiden und schauten aus dem Fenster auf die Tundra hinaus, die sich zwischen Justizvollzugsanstalt Moabit und Hauptbahnhof auftut. Schließlich stiegen sie gemeinsam aus und zogen ihre Koffer Seite an Seite hinter sich her.

          So etwas kann man jeden Tag erleben im Bus der Berliner Linie TXL. Sie verläuft vom Flughafen Tegel bis zum Alexanderplatz und vereint alles, was an Berlin wunderbar und zum Davonlaufen ist: das chaotisch Improvisierte, charmant Zusammengebastelte und Herzliche dieser Stadt genauso wie das Grimmige, Rücksichtslose und Dysfunktionale. Und weil die meisten, die in Tegel landen und mit den Öffentlichen vom Flughafen ins neue Zentrum der Stadt wollen, dafür den TXL nehmen, lernen auch die Touristen all diese Seiten gleich in ihrer ersten halben Stunde in Berlin kennen.

          Die Linie verkehrt vom Flughafen Tegel, der längst geschlossen sein sollte, aber offen bleibt, bis der BER draußen in Schönefeld fertig ist, über den Hauptbahnhof durchs Regierungsviertel, am Brandenburger Tor vorbei über den Boulevard Unter den Linden bis zum Alexanderplatz. Die Doppeldecker der Linien 100 und 200 steuern die Sehenswürdigkeiten Berlins gezielter an, der TXL streift sie nur, ist mehr der Packesel, den auch Einheimische nutzen, weil der Bus wenige, aber zentrale Stationen bedient, im dichten Takt, alle sechs Minuten von sechs bis 23 Uhr.

          In glücklichen Augenblicken ist der TXL eine Art Freundschaftsanbahnungsinstitut. Und der Gradmesser dafür, wie beliebt Berlin inzwischen auf der ganzen Welt ist. Da sitzen dann also eine Texanerin neben einer Finnin oder eine französische Schulklasse zwischen den sprichwörtlichen Berliner Knotten, die „B.Z.“ lesend auf dem Weg zur Arbeit sind. Einheimische helfen Besuchern, den richtigen Halt zu finden, um nicht zu weit zum Hotel zu laufen, Telefone werden gezückt, Apps gecheckt, die Landessprache an Bord ist Englisch. (Auf den Linien TXL, 100 und 200 wird Buspersonal eingesetzt, das sich sicher im Englischen fühlt, ein Kurs gehört zur Ausbildung.)

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