https://www.faz.net/-gxh-7s5qm

Zugfahrt durch Nordspanien : Nur die Pilger kommen noch langsamer voran

  • -Aktualisiert am

Ein Zug mit unendlich viel Muße: An Bord des Transcantábrico kann man den Rausch der Gemächlichkeit erleben. Bild: action press

Doch diese Gemächlichkeit ist ein großes Glück. Denn bei der Schienen-kreuzfahrt mit dem nostalgischen Hotelzug Transcantábrico erlebt man Galicien, Asturien, Kantabrien und das Baskenland mit genau der Gelassenheit, die Spaniens grünem Norden angemessen ist.

          7 Min.

          Die spanischen Fahrgäste schauen gebannt aus dem Fenster. So saftig grün haben sie ihr Land noch nie gesehen. Es sind nicht die allseits bekannten Bilder eines Spaniens der verbrannten kastilischen Hochebenen oder der mediterranen Milde, die vor ihnen vorbeiziehen, sondern das ungewohnte Schauspiel der feuchten, fruchtbaren Landschaft am Golf von Biskaya: Eukalyptuswälder in Galicien, Streuobstwiesen in Asturien, Viehweiden in Kantabrien und Weingärten im Baskenland. Die Bahnlinie windet sich durch kaum berührte Urwälder oder schmiegt sich eine Weile an Flussläufe mit naturbelassenen Ufern. Das rollende Hotel des Transcantábrico durchquert Marschland und Wiesen, auf denen sich Kühe, Schafe und Ziegen manchmal noch vor ihm erschrecken. Der Zug fährt vorbei an unzähligen Kirchen und Kapellen, und er hält zwischendurch in Dörfern und kleinen Städten. Immer wieder überquert er die für Nordspanien typischen „rías“, Mündungstrichter kleiner Flüsse, die dem Gang der Gezeiten unterliegen und deshalb mal vom Brackwasser überschwemmt und mal trockengelegt sind. Sie entspringen in einer einsamen Bergwelt, die bis unmittelbar an die Küste vordringt, so dass man das Gefühl hat, als sei die Nordsee ans Voralpenland herangerückt.

          Immer wieder wird die Reise zum landschaftlichen Spektakel, vor allem wenn die Gleise direkt am Saum des Mar Cantábrico, wie der Golf von Biskaya in Spanien heißt, entlangführen. Man sieht kleine, von Felsen gesäumte Strände, und einmal fährt der Zug sogar über Klippen, die sich fünfzig Meter über der Brandung aufrichten. Besonders imposant ist die Strecke rund um Llanes in Asturien, wo die Bahnlinie eingezwängt zwischen dem Kantabrischen Gebirge und dem Meer verläuft. Gerade hat man noch die Gipfel der Picos de Europa, die bis ins späte Frühjahr verschneit sein können, im Blick gehabt, da bricht der Río Saja durch die letzten felsigen Ausläufer des Gebirges, und plötzlich taucht zwischen den Klippen ein malerischer Sandstrand auf.

          Ein Strand wie eine Theaterbühne

          Bei einem Abstecher an der Grenze zwischen Galicien und Asturien erreicht man den bizarrsten Abschnitt der spanischen Nordküste: eine Serie von fünf Stränden, die sich beim Städtchen Ribadeo zwischen steil aufragende Felsformationen quetschen. Hier hat die Brandung mächtige Gewölbe aus dem Gestein herausgespült und tiefe Höhlen in die Klippen gebohrt. Populäre Stadtstrände mit eleganten Promenaden wiederum findet man in Santander, Gijón und San Sebastián oder im Städtchen Llanes, in dem der sichelförmige Strand von Felsen und Bastionen eingerahmt ist und deshalb wie die Bühne eines Amphitheaters erscheint. Die angrenzenden Klippen stemmen sich kilometerlang als fast senkrechte, fünfzig Meter hohe Felswand dem Meer entgegen.

          Der spanische Norden freilich bietet nicht nur grüne Landschaft und reizvolle Natur. Wenn der Transcantábrico in den Bahnhof von Santander einfährt, sind die Reisenden sogleich mittendrin im ebenso kantabrischen wie kosmopolitischen Trubel dieser Hafenstadt. In fünf Minuten spaziert man zur Kathedrale, die wie eine Festung auf einem Hügel thront, dann gleich weiter zu den wuchtigen Arkadengängen der Plaza Porticada und anschließend auf den Prachtboulevard Paseo de Pereda. Von dort geht der Blick auf die Bahía de Santander und die gestaffelten Bergketten des Kantabrischen Gebirges. Parallel dazu beginnt eine elegante Uferpromenade, die sich bis zum Leuchtturm auf dem Cabo Mayor zwölf Kilometer lang um jene langgestreckte und etwas ausgefranste Halbinsel windet, auf der sich Santander so prächtig eingerichtet hat. Die von jeher reizvolle Kulisse der Stadt wird noch einen zusätzlichen Akzent erhalten, wenn im Sommer das Kulturzentrum der Fundación Botín eröffnet. Nach Plänen des italienischen Architekten Renzo Piano entstehen zwei miteinander verkoppelte Gebäude, die zwar nicht höher sind als die Baumwipfel des angrenzenden Parks, sich dafür aber vom Ufer aus frech zum Wasser hin vorstrecken. Auf diese Weise wirkt das Bauwerk als architektonische Klammer zwischen Stadt und Bucht - ein Symbol für die innige Beziehung Santanders zum Meer.

          Das ist wahre Lebensqualität

          Einer der wichtigsten Exporthäfen Spaniens war die Stadt im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kam sie dann als Seebad der Madrider Aristokratie in Mode, erst recht, nachdem sich König Alfonso XIII. auf der Spitze der Halbinsel einen Sommerpalast hatte errichten lassen. Inzwischen versteckt sich der Industrie- und Handelshafen in den Tiefen der Bucht, dafür beanspruchen die Fähren nach Plymouth und Portsmouth einen privilegierten Anlegeplatz in Sichtweite der Kathedrale. In bester Lage schwanken auch die Masten der Segelboote im Yachthafen, und direkt daneben hat der Real Club Marítimo, der Königliche Segelclub, seinen vornehmen Sitz. Unter dessen Schirmherrschaft wird im kommenden September die Segelweltmeisterschaft ausgerichtet, die in der Bahía de Santander ein Bilderbuchrevier vorfindet.

          Mobiles Heim für ein paar Tage: Aus dem Zugfenster ist Nordspanien ganz besonders schön.
          Mobiles Heim für ein paar Tage: Aus dem Zugfenster ist Nordspanien ganz besonders schön. : Bild: Volker Mehnert

          Ein halbes Dutzend breiter Sandstrände, die sich auf der Halbinsel verteilt vor den Häuserfronten ausbreiten, sorgen im Sommer für Lebensqualität der Einheimischen und Urlaubsvergnügen der Besucher. Wer keine Lust zum Baden hat, sitzt oder spaziert in den manikürten Parkanlagen, die sich am Küstensaum mit den Stränden abwechseln. Immer sind es nur wenige Schritte vom Bürohaus zum Strandcafé, vom Einkaufszentrum zum Segelboot, vom Hotelzimmer in die Brandung. Geschäftigkeit und Muße gehen in dieser Stadt nahtlos ineinander über. Das gilt auch für die Passagiere des Transcantábrico: Sind sie müde vom Stadtbummel oder vom Badeausflug, wartet im Bahnhof schon der Zug mit Restaurant, Lounge und Schlafwagen.

          Glanz und Elend einer stolzen Stadt

          Nächster Halt im hundert Kilometer entfernten Bilbao: Während der Einfahrt in die Stadt erhält man eine Lektion über Vergangenheit und Gegenwart des Industriereviers im spanischen Norden. In dessen Blütezeit während des frühen zwanzigsten Jahrhunderts mögen die Unternehmer mit kostspieligen Bauwerken ihren Reichtum demonstriert haben, dennoch waren die Städte verqualmt, verrußt, verschmutzt und abstoßend. Mit dem Niedergang der Industrie folgte dann auch ein erschreckender Verfall der städtischen Kulisse. In den Außenbezirken von Bilbao ist dieser Kollaps inzwischen vollendet. Kilometerweit sieht man nichts als verwilderte Freiflächen, leerstehende Lagerhäuser, verrottete Fabrikanlagen und die Gerippe trostloser Mietskasernen. Jede Hoffnung auf irgendeinen Aufschwung und die Wiederbelebung der urbanen Einöde scheint vergebens. Gnädig verschwindet der Zug in einem langen Tunnel.

          Als er wieder auftaucht und im Bahnhof La Concordia einfährt, traut man seinen Augen nicht. Als erster Blickfang präsentiert sich das pompöse Teatro Arriaga, und von dort aus führt eine Uferpromenade zu beiden Seiten des Río Nervión durch eine wiedergeborene Stadt. Die Fassaden der Wohnhäuser brauchen sich nicht hinter denen eines Pariser Boulevards zu verstecken, und hinter der ersten Biegung strahlt dann auch schon die glänzende Haut aus Titan, Kalkstein und Glas, mit der Frank O. Gehry sein architektonisches Meisterwerk, das Guggenheim Museum, umhüllt hat. Dessen Eröffnung war 1997 das Fanal für eine ungeahnte Renaissance Bilbaos, an der sich mittlerweile weitere renommierte Architekten beteiligt haben. Santiago Calatravas weiße Brücke Zubizuri schwingt sich flott über den Fluss, nebenan markieren die dreiundachtzig Meter hohen Zwillingstürme von Arata Isozaki den Zugang zum Stadtviertel Abando, und die transparenten Eingänge zur Metro, von Norman Foster entworfen, sind bereits ein so selbstverständlicher Teil des Alltags, dass sie von den Einheimischen liebevoll als „Fosteritos“ bezeichnet werden.

          Dekorativ gestalteter Containerstapel

          Frische Perspektiven eröffnet jetzt auch das Gassenlabyrinth der angrenzenden Altstadt: Die Fassaden der Bürgerhäuser mit ihren schmiedeeisernen Balkonen, verglasten Veranden, hübschen Erkern und verspielten Ornamenten sind zum großen Teil renoviert und neu gestrichen. Der baufällige Mercado La Ribera wurde abgerissen und detailgetreu im vollen Glanz des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wieder aufgebaut. So ist ein völlig neues Stadtgefühl entstanden. An die industrielle Vergangenheit erinnern im Zentrum von Bilbao nur noch ein knallrot gestrichener Hafenkran, ein dekorativ gestalteter Containerstapel und die Schleppkähne in den Trockendocks der ehemaligen Werft Euskalduna - ausgediente Maschinen und Gerätschaften, die zu Kunstwerken und Museumsstücken geworden sind.

          Der Hauptgrund für Bilbaos Wiederauferstehung: das Guggenheim Museum von Frank Gehry.
          Der Hauptgrund für Bilbaos Wiederauferstehung: das Guggenheim Museum von Frank Gehry. : Bild: REUTERS

          Nicht an jeder Station hält der Transcantábrico so unmittelbar im Herzen der Stadt wie in Bilbao und Santander. Aber im Rahmen von Exkursionen mit einem Begleitbus erreicht man das noble Seebad San Sebastián, Asturiens aristokratische Hauptstadt Oviedo und die Pilgermetropole Santiago de Compostela. Zu sehenswerten Städten und verlockenden Landschaften gesellt sich zwischendurch allerdings auch ein schonungsloses Bild spanischer Wirklichkeit. Manchmal schaut man von einer Eisenbahnbrücke hinunter auf ein ergrautes Hafenstädtchen, in dem nur noch eine Handvoll Fischerboote oder ein vereinzelter Frachter vor Anker liegen. Ähnlich wie in Bilbao führen die Gleise aus den Städten meist durch die Hintertür hinaus, vorbei an tristen Mietskasernen, Werkstätten, Lagerhallen und den Resten des abrupt beendeten, spanischen Baubooms, der nicht nur am Mittelmeer seine Ruinen hinterlassen hat. Manchmal fährt der Zug so dicht an den Wohnhäusern vorbei, dass man den Menschen auf ihren typischen verglasten Balkonen oder in der Küche zuwinken kann. Ein besonders klägliches Bild präsentiert sich in der Arbeiterstadt und Schiffbaumetropole Ferrol, in der nicht nur der Diktator Francisco Franco geboren wurde, sondern auch Pablo Iglesias, der Gründer der Sozialistischen Partei Spaniens. Der heruntergekommene Bahnhof mit seinem schäbigen, gelben Anstrich will so gar nicht zum komfortablen Transcantábrico passen, der dort abfahrbereit auf den Schienen steht.

          Bahnfahren aus längst vergangener Zeit

          So unternimmt der Zug eine Art Kreuzfahrt, nicht übers Meer, sondern auf Schienen, und es setzt sich während der achttägigen Reise durch Galicien, Asturien, Kantabrien und das Baskenland nach und nach ein buntgeschecktes Puzzle aus Landschaften, Städten, regionalen Kulturen und gastronomischen Spezialitäten zusammen. Dabei ist der Zug kein Klassiker der europäischen Eisenbahngeschichte wie der Orient Express. Er wurde vielmehr erst vor dreißig Jahren von den Ferrocarriles Españoles de Vía Estrecha, der Gesellschaft spanischer Schmalspurbahnen, ins Leben gerufen, um das bestehende Streckennetz besser auszulasten. Anfangs war der Komfort in den Waggons mit Stockbetten und Gemeinschaftsbädern spartanisch. Inzwischen fährt der Zug unter dem Dach der staatlichen Bahngesellschaft Renfe, es gibt vier Salonwagen mit Restaurant, Lounge und Bar, und die Schlafwagen verfügen über Suiten mit Bad und Doppelbett. Das Interieur verströmt zwar nicht gerade den Charme der Belle Époque, vermittelt aber dennoch ein Gefühl des Bahnfahrens aus längst vergangener Zeit.

          Und das liegt auch am Tempo, an das man sich freilich erst einmal gewöhnen muss. Denn langsamer geht es kaum. Am ersten Tag schafft der Zug nicht einmal hundert Kilometer, und auch während der restlichen Woche stehen immer nur kurze Etappen auf dem Programm: vormittags zwei Stunden, nachmittags ein Stück weiter und manchmal auch am Abend noch ein Stündchen bis zur Übernachtungsstation. „Warum geht es nicht voran?“, fragt sich anfangs der rastlose, ICE-gewohnte Nomade des einundzwanzigsten Jahrhunderts, der ständig unter dem Druck der Geschwindigkeit steht. Wenn der Zug dann nur noch Schritttempo fährt oder gar auf freier Strecke hält, durchzuckt ihn unweigerlich das gefürchtete Wort „Verspätung“.

          Der schöne Rhythmus des Zuckelns

          Doch nach zwei, drei Tagen hat sich das erledigt. Man richtet sich ein in seinem mobilen Heim und passt sich dem Rhythmus des Zuckelns an. Längst ist klargeworden, dass das Stehenbleiben ein Teil des Reisekonzepts ist. Denn selbstverständlich fährt und hält auch dieser Zug nach einem festen Fahrplan. Weil der Transcantábrico jedoch auf einem meist einspurigen Schmalspurgleis verkehrt, das auch von regulären Zügen genutzt wird, muss er denen in der Regel den Vortritt lassen und sich zwischen ihnen durchwursteln. Dabei ist er immer noch schneller als die Wanderer auf dem Jakobsweg, dessen Camino del Norte über eine lange Strecke parallel zur Bahnlinie verläuft. Die Pilger haben die kontemplativste Variante der Fortbewegung durch Spaniens Norden gewählt - und sind damit sogar dem entschleunigten Reisen im Transcantábrico noch einen Schritt voraus.

          Mit dem Zug an der spanischen Nordküste entlang

          El Transcantábrico: Es gibt zwei Züge, die jeweils über vier Salonwagen mit Restaurant, Lounge, Bar und Bibliothek sowie sechs Schlafwagen mit jeweils zwei (“Gran Lujo“) oder vier (“Clásico“) Suiten verfügen. Sämtliche Exkursionen und Besichtigungen sind im Reisepreis (ab 2700 Euro) ebenso eingeschlossen wie die Mahlzeiten, die entweder im Speisewagen oder bei Ausflügen unterwegs in Restaurants serviert werden.

          Termine: Die Kreuzfahrt auf Schienen durch den spanischen Norden dauert eine Woche. Zwischen Anfang April und Ende Oktober verkehrt ein Zug jeweils samstags ab León über Bilbao, Santander und Oviedo nach Ferrol und von dort mit Busanschluss nach Santiago de Compostela; in der darauffolgenden Woche in der Gegenrichtung. Der zweite Zug mit ähnlichem Programm verbindet im wöchentlichen Rhythmus San Sebastián mit Santiago de Compostela. 

          Information und Buchung: In Deutschland können die Reisen im Reisebüro oder bei Ameropa (Telefon: 06172/ 109777, Internet: www.ameropa.de) gebucht werden. Der Veranstalter hat weitere Bahnerlebnisreisen innerhalb Spaniens im Programm, zum Beispiel durch Andalusien, Extremadura und Kastilien. Ein Katalog mit Reisebeschreibungen und Preisen findet sich unter www.ameropa.de. Die Reise wurde unterstützt durch Trenes Turísticos de Renfe.

          Weitere Themen

          Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria : Die Flucht ins Leben

          Gran Canaria ist ein sicheres Reiseziel. Das sagt sogar die Kanzlerin – und rät uns dringend davon ab hinzufahren. Wir haben es trotzdem getan – und können es nur wärmstens empfehlen.

          Topmeldungen

          Macbook Air, Macbook Pro und Mac Mini

          Macbook mit M1-Chip im Test : Potzblitz

          Die neuen M1-Rechner von Apple laufen nicht nur besser als gedacht, sondern sind Tempomaschinen. Geht es um die Software-Kompatibilität, gibt es eine große Überraschung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.